Schlagwort: Reformislam

Berlins neue Ibn-Rushd-Goethe-Moschee: Der liberale Islam ist eine Schimäre


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Die ablehnenden Reaktionen auf die Eröffnung einer “liberalen Moschee” in Berlin sind keine wirkliche Überraschung. Sie taugen jedoch nicht als Beweis für die generelle Reformunfähigkeit des Islam, meint Loay Mudhoon.
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Reformislam: Das schwierige Handwerk islamischer Reformer


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Nach jedem islamistischen Terrorakt ertönt der Ruf nach Reformation des Islam. Doch Muslime brauchen keinen Martin Luther. Gefordert ist die Versöhnung des Islam mit dem Verfassungsstaat, schreibt Loay Mudhoon in seinem Kommentar.
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(Deutsch) Kommenatar zum Manifest “Muslimische Demokraten der Welt, vereint Euch!” – Für Islam und Demokratie


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Zum Tod des algerischen Philosophen und islamischen Reformdenkers Mohammed Arkoun: Kritiker der islamischen Vernunft


Zum Tod des algerischen Philosophen und islamischen Reformdenkers Mohammed Arkoun: Kritiker der islamischen Vernunft
Eine zentrale Figur des zeitgenössischen islamischen Bewusstseins hat die Bühne verlassen: Mohammed Arkoun war einer der größten Denker des zeitgenössischen Islam. Ihm ging es “um nichts Geringeres als um das Neudenken des Islam als kulturelles und religiöses System”.

Eine zentrale Figur des zeitgenössischen islamischen Bewusstseins hat die Bühne verlassen: Mohammed Arkoun war einer der größten Denker des zeitgenössischen Islam. Ihm ging es “um nichts Geringeres als um das Neudenken des Islam als kulturelles und religiöses System”.

Der algerische Philosoph und Islamwissenschaftler Mohammed Arkoun starb am vergangenen Dienstag im Alter von 82 Jahren. In seinen Büchern setzte er sich für eine schonungslose Auseinandersetzung mit den autoritativen Schriften des Islam ein. Eine Würdigung von Loay Mudhoon

Seit jeher hat es Versuche gegeben, den religiösen Diskurs im Islam zu erneuern. Schließlich appelliert der Koran mit aller Macht an das menschliche Erkenntnisstreben. Doch nur wenige islamische Intellektuelle und Reformdenker haben einen genuin neuen, wissenschaftliche Zugang geschaffen. Zu ihnen gehörte der 1928 in einem Berberdorf geborene algerische Philosoph und Islamwissenschaftler Mohammed Arkoun. Fast dreißig Jahre lehrte er als Professor für muslimische Ideengeschichte an der Pariser Sorbonne. In zahlreichen Büchern und Vorträgen setzte er sich für eine schonungslose Auseinandersetzung mit den autoritativen Schriften des Islam ein – und für einen interdisziplinären Denkansatz. Hervorzuheben ist insbesondere sein Hauptwerk „Pour une critique de la raison islamique“ (Für eine Kritik der islamischen Vernunft), das Erbe des großen Ibn Ruschd bis in die Postmoderne trägt. In deutscher Sprache sind unter dem Titel „Islam – Annäherungen an eine Religion“ im Heidelberger Palmyra Verlag 1999 nur seine „Ouvertures sur l’Islam“ erschienen.

Im makropolitischen Kontext forderte Arkoun, der 1999 in Paris das „Institut d’Études des Sociétés Musulmanes“ gründete, eine fundamentale Kritik zentraler Begriffe, sogenannter theologischer „Konstanten“ , die von orthodoxen islamischen Gelehrten als sakrosankt verteidigt werden, wie „das Wesen des Korans“, „Essenz des Islam“ oder „Säulen des Glaubens“. Arkouns wissenschaftliches Engagement erschöpfte sich jedoch nicht darin, die islamische „Tradition“ zu hinterfragen; vielmehr wollte er den Islam schlechthin neu denken, um die „intellektuelle Starre“ zu überwinden, die er für die politisch-gesellschaftliche Misere verantwortlich machte. Er strebte eine „radikale Re-Konstruktion von Geist und Gesellschaft in der zeitgenössischen islamischen Welt“ an. Dabei plädierte Arkoun für Perspektivwechsel und Bedeutungsvielfalt statt Einfalt und Dogmatismus.

Dem kulturellen Grenzgänger und scharfsinnigen Intellektuellen war vor allem die „andauernde Politisierung des Islam und Reduzierung seiner Botschaft auf Fragen des Rechts und der Macht “ ein Dorn im Auge. „Wer heute behauptet, im Islam kann es keine Trennung zwischen der Weltlichen und der Geistlichen Sphären geben, schildert zwar den Status quo in meisten islamischen Ländern, verkennt jedoch, dass dieser auf der verhängnisvollen Geiselnahme der Religion durch die Politik beruht“.

Der „Kritiker der islamischen Vernunft“ war ein Humanist, der für eine vorurteilsfreie Wissenschaft vom Orient und seinen „islamischen Kulturen und Gesellschaften“ plädierte und deshalb dafür kämpfte, dass Islamstudien nicht nur im Bereich der Orientalistik betrieben werden sollten. Mohammed Arkoun starb am vergangenen Dienstag im Alter von 82 Jahren in Paris.

© Tagesspiegel / Loay Mudhoon 2010

Dieser Beitrag wurde am 21.09.2010 im “Tagesspiegel” veröffentlicht.

Den Nachruf auf Mohammed Arkoun von Ursula Günther können Sie auf Qantara.de lesen.

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Mehr Beiträge zum Reformislam:

Ursula Günther über Mohammed Arkoun
Mohammed Arkoun- Ein moderner Kritiker der islamischen Vernunft
Das Denken des Algeriers Mohammed Arkoun fand bisher kaum Eingang in den intellektuellen Diskurs in Deutschland. Auch die deutsche Islamwissenschaft hat sich mit ihm kaum auseinander gesetzt. Die Dissertation “Mohammed Arkoun – Ein moderner Kritiker der islamischen Vernunft” von Ursula Günther versucht diese Lücke zu schließen.

Nachruf auf Nasr Hamid Abu Zaid
Wegbereiter für fortschrittliche Lesarten des Koran
Der international bekannte ägyptische Koranforscher Nasr Hamid Abu Zaid gehörte zu den führenden islamischen Reformdenkern der Gegenwart. Seine diskursanalytische Untersuchung des Koran legten den Grundstein für ein zeitgemäßes Verständnis des Islam. Abu Zaid ist im Alter von 66 Jahren in Kairo gestorben. Eine Würdigung von Loay Mudhoon

Dossier auf Qantara.de
Reformislam
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Reformdenken nach Nasr Hamid Abu Zaid

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Interview mit Abu Zaid: ”Ich bin Zeuge des Wandels im Islam”

Interview mit Nasr Hamid Abu Zaid

Vielfältige Lesarten des Korans

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Der islamische Reformdenker Muhammad Shahrur

Auf Averroes’ Spuren

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Porträt des Philosophen Mohammed Abed al-Jabri

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Der marokkanische Philosoph Mohammed Abed al-Jabri gehört zweifelsohne zu den bedeutendsten arabischen Intellektuellen der Gegenwart. Im Mittelpunkt seiner Werke stehen das Scheitern der Aufklärung in der islamischen Welt und die Suche nach einer arabischen Identität in der Moderne. Von Sonja Hegasy weiter »

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Ein Geist, der Ost und West umfasst

Auf Muhammad Iqbal, Pakistans geistigen Vater und bedeutenden Philosophen des 20. Jahrhunderts, berufen sich bis heute Aktivisten verschiedener politischer Couleur, sodass er wohl auch für die Zukunft des Landes eine wichtige Rolle spielen wird. Von Stephan Popp weiter »

Nachruf auf Nasr Hamid Abu Zaid: Wegbereiter für fortschrittliche Lesarten des Koran


Nachruf auf Nasr Hamid Abu Zaid: Wegbereiter für fortschrittliche Lesarten des Koran

Wegbereiter für fortschrittliche Lesarten des Koran: "Gerade wenn die Botschaft des Islam für die gesamte Menschheit unabhängig von Zeit und Ort gültig sein soll, ist eine Vielfalt der Interpretation unvermeidlich", sagte der international bekannte ägyptische Literaturwissenschaftler und Koranforscher Nasr Hamid Abu Zaid.

Der international bekannte ägyptische Literaturwissenschaftler und Koranforscher Nasr Hamid Abu Zaid gehörte zu den führenden islamischen Reformdenkern der Gegenwart. Seine diskursanalytische Untersuchung des Koran legten den Grundstein für zeitgemäßes Verständnis des Islam. Abu Zaid ist im Alter von 66 Jahren in Kairo gestorben. Eine Würdigung von Loay Mudhoon

Vertreter des traditionell islamischen Establishments sowohl in den meisten islamischen Ländern als auch in den islamischen Gemeinden des Westens dürften dem berühmten Diktum des britischen Generalkonsuls in Ägypten Lord Cromer aus dem Jahre 1880, demzufolge ein “reformierter Islam kein Islam mehr ist”, ohne große Schwierigkeiten zustimmen. Denn der Islam ist für sie – und für die meisten gläubigen Muslime – etwas grundsätzlich Vollkommenes, das nicht “reformiert” werden kann.

Doch Versuche einer Reformierung bzw. Erneuerung des religiösen Diskurses im Islam hat es seit Beginn der islamischen Zeitrechnung immer gegeben.

Darauf hat der ägyptische Literaturwissenschaftler und Koranforscher Nasr Hamid Abu Zaid immer wieder hingewiesen. Abu Zaid erinnerte daran, dass die ersten intellektuellen Anstrengungen der Muslime der Koranauslegung gewidmet waren; schließlich appelliere das heilige Buch der Muslime an das menschliche Erkenntnisstreben.

Allerdings hätten sich die wenigen Reformer der kritischen Betrachtung der Grundsätze des Islam gewidmet – und sich kaum um neue, wissenschaftliche Zugänge zur heiligen Schrift des Islam bemüht.

Offenbarung als Kommunikationsprozess

Genau dies tat der ägyptische Linguist und Koranforscher Abu Zaid und wandte sprachwissenschaftliche Methoden über die Kommunikation auf den Koran an:

In jeder Kommunikationssituation gebe es einen Sender und einen Empfänger, und damit eine Botschaft beim Empfänger ankommen könne, müsse der Sender sie codieren und der Empfänger sie dementsprechend decodieren: “Die Offenbarung ist der Kommunikationsprozess, der Kanal, durch den das Wort Gottes Mohammed gegeben wurde”, sagte Abu Zaid.

Abu Zaid bestritt nie, dass Gott den Koran offenbart habe. Das heilige Buch der Muslime war für ihn jedoch mehr als “die Rede Gottes”, denn er habe eine menschliche Seite, die arabische Sprache. Und diese sei faktisch ein Produkt, das Werte und Normen der damaligen arabischen Kultur widerspiegele. Den Koran betrachtet er deshalb als das Ergebnis eines 23 Jahre andauernden kommunikativen Austausches.

Diesen kommunikativen Prozess erhellte er mit modernen hermeneutischen Ansätzen und verdeutlichte auf diese Weise den menschlichen Anteil an der Entstehung, Deutung und vor allem Anwendung des koranischen Textes in der Praxis.

Historisierung des Korans

Durch sein Bemühen, den Islam aus der Umklammerung traditionalistischer und legalistischer Interpretationen zu befreien und seine Auslegung auf die Erfordernisse der Moderne und ihre normativen Errungenschaften wie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte hin auszurichten, wies Abu Zaid den Weg für einen zeitgemäßen und flexibleren Umgang mit dem Koran:

“Wir begreifen den Korantext als kulturelles Produkt in seiner historischen Entstehung und gleichzeitig als Erzeuger einer neuen Kultur in der Geschichte. Die Erzeugung einer Kultur durch den Text geschieht jedoch nur über die Rezeption des Korantextes durch die Muslime, die wiederum von ihren eigenen Perspektiven und Geisteshaltungen abhängig ist. Wenn wir dies verstehen, können wir schlussfolgern, dass diese Kultur, die die Muslime selbst erzeugt haben, eine zeitlich gebundene Kultur ist, die wir kritisch analysieren und verstehen können”, erklärte Abu Zaid.

Für diese These musste Abu Zaid einen hohen Preis bezahlen: Er wurde in Ägypten angefeindet und wegen Apostasie angeklagt, dann von seiner Frau, der Romanistin Ibtihal Younis zwangsgeschieden – eine Farce ohne historisches Beispiel.

Damals lag es auf der Hand, dass nicht seine wissenschaftliche Arbeit zur Koranexegese die Gegner auf die Barrikaden gerufen hatte, sondern seine Einmischung in die Politik:

Abu Zaid griff 1992 in seinem Buch “Die Kritik des religiösen Diskurses” den installierten “Staatsislam” der Mubarak-Regierung an, denn dieser sei, so Abu Zaid, “nicht besser als die Islamdeutung der Extremisten, da beide auf ihrem Monopol auf die absolute Wahrheit bestehen”.

Glaube an den Wandel

Abu Zaid musste seine Heimat wegen Morddrohungen verlassen und ging mit seiner Frau ins niederländische Exil, wo er zuletzt an der Universität Utrecht den Lehrstuhl für Humanistik und Islam innehatte.

Der bescheidene Islamgelehrte Abu Zaid ließ sich nicht von Anfeindungen und Diffamierungsversuchen entmutigen und glaubte bis zu letzt an den heilsamen Wandel im Islam: “Ja, ich bin ein Opfer. Aber ich bin auch ein Zeuge des Wandels, der vonstatten geht, allen Grausamkeiten – wie in meinem Fall – zum Trotz. Der berühmte arabisch-spanische Philosoph Averroës wurde verurteilt. Doch seine Ideen haben sich trotzdem im Westen ausgebreitet”, sagte der lebensfrohe Gelehrte in seinem letzten Interview mit Qantara.de.

Es ist zu hoffen, dass die große Lücke, die Abu Zaid in den Debatten um die Reformierung und Modernisierung des Islam hinterlässt, zumindest ansatzweise von seinen zahlreichen Schülern geschlossen werden kann.

©
Loay Mudhoon/ Qantara.de 2010

Dieser Beitrag wurde am 09.07.2010 auf Qantara.de Veröffentlicht.

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Muhammad Iqbal: konservativer Reformer und Pakistans geistiger Vater

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Der konservative Reformer Muhammad Iqbal gilt als geistiger Vater Pakistans und  bedeutendster Philosoph seines Landes im 20. Jahrhundert; auf ihn berufen sich bis heute Aktivisten verschiedener politischer Couleur, sodass er wohl auch für die Zukunft  Pakistans eine wichtige Rolle spielen wird. Stephan Popp stellt den Denker auf vor.

Sein philosophisches Hauptwerk, “Die Wiederbelebung des religiösen Denkens im Islam” ist vor einigen Jahren auf Deutsch erschienen. Dazu bemerkte der Rezensent Ludwig Ammann:

„Auch Sir Muhammad Iqbal ist so ein “Islamist”. Unser Verständnis des islamischen Aktivismus in allen seinen Ausformungen könnte gewaltige Fortschritte machen, wenn wir die Scheuklappen abnehmen und an religiösen Denkern auch das Religiöse ernst nehmen würden, statt sie auf unkritische (oder aber: nicht hinreichend gelehrige) Adepten des weltlichen Denkens Europas zu reduzieren.“

Die ganze Rezension können Sie hier lesen.

Dossier: Reformislam

Welche Ansätze bietet der Islam zur Reform und Demokratisierung der modernen muslimischen Gesellschaften? Qantara.de stellt Positionen und Initiativen renommierter Denker aus der islamischen Welt vor.

Interview mit Mathias Rohe zur Scharia-Debatte: “Integrative Islam-Interpretationen sind alternativlos”


Nach Ansicht des Juristen und Islamwissenschaftlers Mathias Rohe ist es höchste Zeit für die hier lebende muslimische Bevölkerung, religiöse Grundlagen zu finden, die sich klar im Rahmen des säkularen Rechtsstaats bewegen. Mit ihm sprach Loay Mudhoon. Mehr…

Rowan Williams, Erzbischof von Canterbury, sorgte mit seinem Plädoyer für die Eingliederung von Aspekten des islamischen Rechts ins britische Rechtswesen für großes Aufsehen und heftige Kritik in Großbritannien. Hierzulande warnten einige Publizisten vor einem “weiteren Schritt der westlichen Welt, sich der integrationsunwilligen muslimischen Einwanderer-Minderheit unterzuordnen”. Sind diese Ängste berechtigt?

Mathias Rohe: Meines Erachtens sind sie nicht berechtigt. Der Alarmismus hat in unseren Tagen Konjunktur. Islamistischer Terror, “Ehrenmorde” und Moscheebau werden von manchen umstandslos auf eine Ebene gehoben und als Beleg für eine angebliche Islamisierung benannt. Die Entwicklung in Europa zeigt aber, dass man sich gegen islamisch begründete Gewalt sehr wohl zur Wehr zu setzen will und weiß. Verbrechen wie “Ehrenmorde” müssen gleichfalls bekämpft werden, finden im Islam aber keine Legitimation. Die Errichtung von Kultgebäuden schließlich zählt zu den verfassungsmäßig garantierten Rechten; die legale Errichtung einer religiösen Infrastruktur durch Einwohner und Bürger ist ein schlichtes Gebrauchmachen von Religionsfreiheit. Hier scheint es auch noch ein gewisses Bildungsbedürfnis bei manchen Vertretern der “Mehrheitsgesellschaft” zu geben. Im übrigen sind nach allen vorhandenen Erkenntnissen große Mehrheiten der Muslime in Europa – die noch größer werden könnten – durchaus integrationswillig oder schon längst integriert.

Wie bewerten diesen Vorstoß inhaltlich? Lässt er sich auf ein pauschales Plädoyer für das parallele Bestehen der Scharia mit dem britischen Gesetz überhaupt reduzieren?

Rohe: Der Erzbischof hat sich sehr differenziert zu diesem Thema geäußert und deutlich zwischen akzeptablen und nicht akzeptablen Aspekten der Scharia unterschieden. Ich hätte mir eine sachbezogenere Debatte gewünscht, auch wenn ich den Vorstoß des Erzbischofs inhaltlich nicht unterstütze.

Wie realistisch ist diese Vorstellung einer pluralen Gerichtsbarkeit? Können diese Überlegungen das Grundprinzip der Gleichheit vor dem Gesetz in Frage stellen?

Rohe: Das ist zumindest faktisch möglich und deshalb höchst problematisch. Selbstverständlich steht es jedermann frei, Konflikte außerhalb staatlicher Instanzen zu regeln. In Familien geschieht das ja täglich. Auch sind in vielen Bereichen Mediatoren und Schiedsgerichte erfolgreich tätig. Problematisch wird es dort, wo solche “freiwilligen” Institutionen für die Nutzung von Bevölkerungsteilen eingerichtet werden, die ohnehin in erheblicher Distanz zur staatlichen Ordnung und ihren Institutionen leben und die ihre hier geltenden Rechte zum Teil gar nicht kennen. Das kanadische Beispiel (zeitweilige Errichtung islamischer Schlichtungsinstitutionen) zeigt, dass dann Druck auf die schwächeren Beteiligten ausgeübt wird, sich ausschließlich an solche Instanzen zu wenden und damit einen Teil der staatlich garantierten Rechte aufzugeben. Konkret geht dies in aller Regel zu Lasten von Frauen, weil die Betreiber entsprechenden traditionellen Interpretationen des islamischen Rechts folgen.

Rowan Williams hat die Eingliederung von Aspekten des islamischen Rechts ins britische Rechtswesen als “unvermeidlich”bezeichnet und erklärte, die begrenzte Anwendung islamischen Rechts könne sogar die britische Gesellschaft insgesamt stärken. Welche Auswirkungen könnte die Berücksichtigung islamischer Normen für die Integrationsbereitschaft der Muslime haben?

Rowan Williams, Erzbischof von Canterbury, sorgte mit seinem Plädoyer für die Eingliederung von Aspekten des islamischen Rechts ins britische Rechtswesen für großes Aufsehen und heftige Kritik in Großbritannien. Hierzulande warnten einige Publizisten vor einem “weiteren Schritt der westlichen Welt, sich der integrationsunwilligen muslimischen Einwanderer-Minderheit unterzuordnen”. Sind diese Ängste berechtigt?

Mathias Rohe: Meines Erachtens sind sie nicht berechtigt. Der Alarmismus hat in unseren Tagen Konjunktur. Islamistischer Terror, “Ehrenmorde” und Moscheebau werden von manchen umstandslos auf eine Ebene gehoben und als Beleg für eine angebliche Islamisierung benannt. Die Entwicklung in Europa zeigt aber, dass man sich gegen islamisch begründete Gewalt sehr wohl zur Wehr zu setzen will und weiß. Verbrechen wie “Ehrenmorde” müssen gleichfalls bekämpft werden, finden im Islam aber keine Legitimation. Die Errichtung von Kultgebäuden schließlich zählt zu den verfassungsmäßig garantierten Rechten; die legale Errichtung einer religiösen Infrastruktur durch Einwohner und Bürger ist ein schlichtes Gebrauchmachen von Religionsfreiheit. Hier scheint es auch noch ein gewisses Bildungsbedürfnis bei manchen Vertretern der “Mehrheitsgesellschaft” zu geben. Im übrigen sind nach allen vorhandenen Erkenntnissen große Mehrheiten der Muslime in Europa – die noch größer werden könnten – durchaus integrationswillig oder schon längst integriert.

Wie bewerten diesen Vorstoß inhaltlich? Lässt er sich auf ein pauschales Plädoyer für das parallele Bestehen der Scharia mit dem britischen Gesetz überhaupt reduzieren?

Rohe: Der Erzbischof hat sich sehr differenziert zu diesem Thema geäußert und deutlich zwischen akzeptablen und nicht akzeptablen Aspekten der Scharia unterschieden. Ich hätte mir eine sachbezogenere Debatte gewünscht, auch wenn ich den Vorstoß des Erzbischofs inhaltlich nicht unterstütze.

Wie realistisch ist diese Vorstellung einer pluralen Gerichtsbarkeit? Können diese Überlegungen das Grundprinzip der Gleichheit vor dem Gesetz in Frage stellen?

Rohe: Das ist zumindest faktisch möglich und deshalb höchst problematisch. Selbstverständlich steht es jedermann frei, Konflikte außerhalb staatlicher Instanzen zu regeln. In Familien geschieht das ja täglich. Auch sind in vielen Bereichen Mediatoren und Schiedsgerichte erfolgreich tätig. Problematisch wird es dort, wo solche “freiwilligen” Institutionen für die Nutzung von Bevölkerungsteilen eingerichtet werden, die ohnehin in erheblicher Distanz zur staatlichen Ordnung und ihren Institutionen leben und die ihre hier geltenden Rechte zum Teil gar nicht kennen. Das kanadische Beispiel (zeitweilige Errichtung islamischer Schlichtungsinstitutionen) zeigt, dass dann Druck auf die schwächeren Beteiligten ausgeübt wird, sich ausschließlich an solche Instanzen zu wenden und damit einen Teil der staatlich garantierten Rechte aufzugeben. Konkret geht dies in aller Regel zu Lasten von Frauen, weil die Betreiber entsprechenden traditionellen Interpretationen des islamischen Rechts folgen.

Rowan Williams hat die Eingliederung von Aspekten des islamischen Rechts ins britische Rechtswesen als “unvermeidlich”bezeichnet und erklärte, die begrenzte Anwendung islamischen Rechts könne sogar die britische Gesellschaft insgesamt stärken. Welche Auswirkungen könnte die Berücksichtigung islamischer Normen für die Integrationsbereitschaft der Muslime haben?

Rohe: Manche Aspekte sind ohnehin schon längst eingegliedert, etwa die – rechtlich grundsätzlich unproblematischen – Instrumente klassischen islamischen Wirtschaftens. Selbst des Land Sachsen-Anhalt hat schon eine islamische Anleihe zur Kapitalbeschaffung aufgelegt. In Großbritannien hat man eine Form der Adoption eingeführt, die weniger weitreichende Folgen hat als die klassische Volladoption mit Statusfolge. Das mag zwar vor allem für Muslime vor den Hintergrund ihrer Rechtstradition gedacht sein, ist aber als neues Modell offen für alle. Insbesondere im Bereich des Familienrechts sollte man allerdings nicht vorschnell von “Unvermeidlichkeit” reden.

Es ist zwar Fakt, dass in Großbritannien gerade unter Einwanderern vom indischen Subkontinent eine Islam-rechtliche Parallelstruktur entstanden ist, worauf der Erzbischof offenbar Bezug nimmt. Man sollte aber versuchen, dort für die Vorzüge des geltenden staatlichen Rechts zu werben und deutlich zu machen, dass es in bestimmten Umfang Gestaltungsfreiheit zulässt, die auch religiös motiviert sein kann, zum Beispiel in Eheverträgen. Wichtig ist dann auch die Entwicklung einer kulturellen Sensibilität in staatlichen Institutionen, welche die Lebensverhältnisse solcher Zuwanderer berücksichtigt. Insgesamt ist gerade der Bereich des Ehe- und Familienrechts sensibel und im Hinblick auf Schutzbedürfnisse auch nicht nur “privat”. Insofern müssen wir auf dem Grundgedanken der Gleichberechtigung der Geschlechter und der Religionen als für alle geltenden Prinzip beharren. Das sehen auch die meisten Muslime so. Förderung der Integrationsbereitschaft darf zudem nicht um den Preis der Aufgabe der eigenen Grundvorstellungen erfolgen.

Andere Kritiker weisen darauf hin, dass bereits seit längerem in England und in anderen europäischen Ländern subtilen Druck ausgeübt werde, (Teil)-Aspekte der Scharia mit dem Zivilrecht zu verknüpfen. Wie real ist dieser Druck in Deutschland?

Rohe: In Fällen internationaler Lebensverhältnisse schreiben unsere eigenen Gesetze es vor, in einem gewissen Rahmen auf Ausländer ihr Heimatrecht anzuwenden. Insofern haben wir selbst seit langem eine solche Verknüpfung ermöglicht, allerdings nicht dort, wo ihre Ergebnisse für unser Rechtsempfinden unerträglich wären. Im Hinblick auf interne Verhältnisse werden in Deutschland solche weitergehenden Forderungen nur von einzelnen Extremisten erhoben. Freilich gibt es auch hier Fälle, in denen zum Beispiel eine nur nach islamischem Ritus im Inland verheiratete Frau die Scheidung möchte. Sie in staatlichen Gerichten mit der Begründung abzuweisen, dass mangels bestehender gültiger Ehe auch keine Scheidung möglich sei, muss nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Wir kennen ja auch den Gedanken deklaratorischer Aufhebung von Nicht-Bestehendem. Die allermeisten Muslime hier haben sich aber nach meiner Kenntnis sehr gut im geltenden Recht eingerichtet.

Unter dem Dach der freiheitlich-demokratischen Rechtsordnung in Deutschland gibt es religiöse Entfaltungsmöglichkeiten (Artikel 4 des Grundgesetzes). Welche Rechte können deutsche Muslime daraus ableiten?

Rohe: Sie können gleichberechtigt mit allen anderen Religionen und Weltanschauungen ihre Rechte geltend machen, die nach der religionsoffenen deutschen Verfassung auch das Sichtbarwerden und Wirken im öffentlichen Raum einschließt. Das reicht – bei Erfüllung der jeweiligen rechtlichen Voraussetzungen – vom Moscheebau über das Einrichten muslimischer Gräberfelder, dem fachgerechten Schächten und der Einrichtung islamischen Religionsunterrichts bis hin zu mittelbaren Wirkungen etwa in privaten Arbeitsverhältnissen (z.B. im Hinblick auf Gebetszeiten, religiöse Festtage oder Bekleidungssitten). Selbstverständlich hat auch die Religionsfreiheit Grenzen, die aber nicht nach Mehrheitsverhältnissen gezogen werden dürfen.

Viele Muslime und Nicht-Muslime sprechen von “islamischen Geboten”, meinen jedoch “islamische Kultur”. Wie geht das deutsche Recht mit den kulturellen Gebräuchen um?

Rohe: Kulturelle Gebräuche genießen nicht den Schutz der Religionsfreiheit, sondern den stärker eingeschränkten Schutz der freien Entfaltung der Persönlichkeit nach Art. 2 GG. Hier liegt im übrigen ein großes Aufgabenfeld für Muslime hierzulande: Manches, was als islamisch verstanden wird und anstößig wirkt, ist in kulturellen Praktiken und Überzeugungen verwurzelt. Ein Beispiel ist der zum Teil grotesk übersteigerte formale Ehrbegriff in patriarchalischen Lebensstrukturen, der immer wieder Auslöser für schlimmste Verbrechen wird.

Was sollten Muslime tun, um zu helfen, dass die normativen Vorgaben ihrer Religion in den heutigen säkularen Rechtsstaat besser berücksichtigt werden können?

Rohe: Es ist für eine auf Dauer hier lebende Bevölkerungsgruppe, die Teil unserer Gesellschaft geworden ist, hohe Zeit, religiöse Grundlagen zu formulieren und Interpretationen zu finden, die sich in den unverzichtbaren Rahmen des säkularen demokratischen Rechtsstaats einfügen. Das Instrumentarium hierfür ist vorhanden, man muss es nur nutzen. Viele Menschen hier haben ja keine Angst vor “dem Islam”, sondern vor seinen extremistischen Schattenseiten, die sich in einer Fülle von Anschlägen und Hasspropaganda niederschlägt.

Freilich ist immer wieder deutlich zu machen, dass es sich hier um eine kleine Minderheit der Muslime handelt, deren Handeln und Ideen von der übergroßen Mehrheit scharf verurteilt werden. Zudem dürfen wir Muslime hier nicht in Kollektivhaft für bedrückende Phänomene wie die Unterdrückung von Christen und anderen Religionsangehörigen in vielen Teilen der islamischen Welt nehmen. Ferner kann die Herausbildung integrativer Islam-Interpretationen nur gelingen, wenn dafür auch die institutionellen Voraussetzungen geschaffen werden, wie die Einrichtung islamischen Religionsunterrichts und die Errichtung entsprechender Ausbildungsstätten für Religionslehrer und Imame. Das wird Geld und Energie kosten, ist aber alternativlos.

Interview: Loay Mudhoon

© Qantara.de 2008

Prof. Dr. Mathias Rohe ist Jurist und Islamwissenschaftler. Als Inhaber des Lehrstuhls für Bürgerliches Recht, Internationales Privatrecht und Rechtsvergleichung ist er an der Juristischen Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg tätig. Seit 2001 ist er Vorsitzender der Gesellschaft für Arabisches und Islamisches Recht (Forschungsschwerpunkte: Islam in Europa und gegenwärtige Entwicklungen im Islamischen Recht, Islam und Rechtsstaatlichkeit).

Mathias Rohe: Perspektiven auf die Scharia

In seinem neuen Buch “Das islamische Recht: Geschichte und Gegenwart” zeigt der Jurist und Islamwissenschaftler Mathias Rohe die historische Dimension und die Deutungsmuster des islamischen Rechts im globalen Zusammenhang auf.Mehr…

Naivität im Kulturkampf: Die Scharia des Erzbischofs
Glaubensmarkt des Rechts
Der Erzbischof von Canterbury hat mit seinem Votum für eine beschränkte Anwendung der Scharia einen Sturm der Empörung ausgelöst. Doch so neu ist die Idee nicht. Kritiker meinen, dass bereits seit längerem in England Druck ausgeübt werde, Aspekte der Scharia mit dem Zivilrecht zu verknüpfen. Von Gina Thomas

Islam in Deutschland
Überschätzte Religion
Während in Deutschland permanent und oft kontrovers über “die Muslime” und “den Islam” debattiert wird, verschwinden einige Probleme völlig aus dem Blickfeld: die rechtliche und wirtschaftliche Situation von Einwanderern. Von Mark Terkessidis

Heba Raouf Ezzat – Emran Qureshi
Sind Scharia und Menschrechte miteinander vereinbar?
Emran Qureshi, Journalist und Experte für Islam und Menschenrechte, und Heba Raouf Ezzat, Dozentin für Politologie an der Universität Kairo, debattieren in ihrer Korrespondenz über die Rolle der Scharia in den islamischen Ländern und über die Frage, ob sie mit den Menschenrechten vereinbar ist.

Interview mit Tariq Ramadan


Interview mit Tariq Ramadan

“Es gibt kein islamisches System, nur islamische Prinzipien”

 
4a12ce09d6eae_RadikaleReformRamadanTariq Ramadan ist wohl einer der schillerndsten muslimischen Intellektuellen Europas. Nina zu Fürstenberg hat den vielfach auch als “Softcore-Islamisten” gescholtenen Ramadan in ihrem Buch “Wer hat Angst vor Tariq Ramadan?” unter die Lupen genommen.

Im Gespräch mit Qantara.de wendet sich der muslimische Gelehrte und “Reformdenker” gegen autoritäre Herrschaftsstrukturen im Islam und wirbt für ein modernes Glaubensverständnis auf der Grundlage einer Trennung von Staat und Kirche.  Mehr

Der islamische Reformdenker Muhammad Shahrur


Der islamische Reformdenker Muhammad Shahrur
Der islamische Reformdenker Muhammad Shahrur, Foto: Loay Mudhoon

Der islamische Reformdenker Muhammad Shahrur

Muhammad Shahrur: Auf Averroes’ Spuren

Muhammad Shahrurs Werk ist ein umfassender Versuch, die Religion des Islam mit moderner Philosophie ebenso in Einklang zu bringen wie mit dem rationalen Weltbild der Naturwissenschaften. Seiner Ansicht nach ist die Rechtssprechung im Namen Gottes eine Farce zugunsten politischer Machtkalküle. Loay Mudhoon stellt den streitbaren Reformdenker vor.


Obwohl der Reformbegriff von vielen Muslimen in Bezug auf den Islam pauschal abgelehnt wird, da der Islam für sie etwas grundsätzlich Vollkommenes darstellt, das nicht “verbesserungsfähig” sei und deshalb auch nicht “reformiert” werden könne, versteht sich der syrische Ingenieur und Koranexeget Muhammad Shahrur in erster Linie als Reformdenker.Shahrur versteht sich auch als Teil einer Avantgarde der islamischen “Erneuerer”. Im Mittelpunkt steht bei ihm die Erkenntnis, dass es nur einen Gott gebe, aber viele Wege zu ihm. Schließlich plädiert er seit Beginn seiner reformatorischen Arbeit vor knapp 20 Jahren lautstark und in unverwechselbarer Art und Weise dafür, dass Muslime sich ohne “Unterwürfigkeit gegenüber der Autorität der islamischen Jurisprudenz” am Wortlaut der Offenbarungsschrift selbst als eigentlichem Kriterium der göttlichen Wahrheit orientieren mögen.

“Religiöse Reformen sind notwendig”

Im makropolitischen Kontext geht Shahrur einen Schritt weiter und fordert auf der Grundlage einer Gegenwartsdiagnose eine fundamentale Kritik der islamischen Kultur und Religion, weil es seiner Meinung nach keine grundlegenden politischen Reformen in den islamischen Ländern ohne tief greifende religiöse Reformen geben kann.

Dabei konstatiert er: Der Islam ist faktisch die allein dominierende normative Kraft in der arabischen Welt. “Das religiöse Erbe muss kritisch neu gelesen und interpretiert werden. Kulturelle und religiöse Reformen sind wichtiger als politische, da sie die Voraussetzungen jedweder säkularer Reformen sind.”

Der kollektive Bewusstseinsschock als Auslöser

Muhammad Shahrur wurde am 11. April 1938 in Damaskus geboren. Nach dem Erwerb der Hochschulreife nahm er 1958 ein Ingenieurstudium für Bauwesen in Moskau auf, das er 1964 erfolgreich abschloss.

Der Sechs-Tage-Krieg im Juni 1967, der den Nahen Osten bis heute strukturell prägt, führte dazu, dass er seine Promotionsstudien nicht wie vorgesehen in London, sondern in Dublin absolvierte, da der Krieg den Bruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Syrien und England zur Folge hatte.

Für Shahrur war der kollektive Bewusstseinsschock der arabischen Welt nach der verheerenden Niederlage im Sechs-Tage-Krieg der entscheidende Auslöser, über den Zustand der arabischen Kultur nachzudenken und nach Auswegen aus der offensichtlich gewordenen wirtschaftlichen – vor allem aber ethisch-intellektuellen Krise zu suchen.

Zentrale Probleme des traditionellen islamischen Diskurses

In der Einleitung seines im Jahre 1990 erschienenen Standardwerks “Die Schrift und der Koran. Eine zeitgenössische Lesung”, an dem Shahrur nach eigenen Angaben mehr als 20 Jahre arbeitete, nennt er die zentralen Probleme des traditionellen islamischen Diskurses beim Namen – vom Fehlen eines wissenschaftlichen Zugangs zum göttlichen Text und der Fixierung der Rechtsgelehrten auf apologetische Reflexe bis hin zur Unfähigkeit, ein epistemologisches System islamisch zu begründen und aufzubauen.

Jedenfalls stand für ihn damals frühzeitig fest: Das herrschende Islamverständnis steht im eklatanten Widerspruch zum wahren Geist der göttlichen Offenbarung.

Obschon Shahrur explizit darauf hingewiesen hat, dass es sich bei seinem Reformwerk lediglich um “eine zeitgenössische Lesung des offenbarten Textes” handelt, mit dem erklärten Ziel, eine “islamische Theorie der Göttlichkeit zu formulieren, die human und universal zugleich ist”, reagierte die islamische Orthodoxie mit massiven Diffamierungsversuchen auf seine reformatorischen Ansätze.

Und wie erwartet forderten nicht wenige Kommentatoren in den arabischen Massenmedien, ihn wegen der Herabsetzung der Person des Propheten vor Gericht zu stellen. Mindestens 19 Bücher wurden bislang als Erwiderung auf seine provokanten Ansichten publiziert, von unzähligen Artikeln und Medienbeiträgen ganz zu schweigen.

Erkenntnis wächst oft am Rande

Shahrurs ausgeprägtes mathematisch-naturwissenschaftliches Verständnis war eine große Stütze bei seinem Vorhaben, die heilige Schrift zeitgemäß zu lesen. Hinzu kam, dass er sich der modernen Methoden sprachwissenschaftlicher Forschung bediente.

Dazu gehörte vor allem die linguistische Erkenntnis, dass es auf einer bestimmten Sprachstufe keine synonymen Wörter gibt, sondern jeder Ausdruck ein ganz bestimmtes Bedeutungsfeld abdeckt.


Shahrur begann diese Regel auf die Koransuren anzuwenden und kam dabei zu Resultaten, die ein grundlegendes Umdenken im islamischen Recht zumindest teilweise rechtfertigen.

Es gelang Shahrur, mit seiner Methode für zentrale Begriffe des Islam wie al-kitab (die Schrift) und al-quran (der Koran), die im Kontext der Offenbarung bis dato als synonym betrachtet wurden, eine jeweils spezifische Bedeutung aufzudecken.

Diese Erkenntnis und die Prämisse, dass der Koran allumfassend ist, führt Shahrur zu einer für seine zeitgemäße Lesung des Koran fundamentalen Unterscheidung: Es gelte im Koran zwischen “Prophetie” (nubuwa) und der “Botschaft” (risala) zu unterscheiden.

Die Prophetie beschreibe die göttlichen und deshalb objektiven und absolut gültigen Naturgesetze, während die Botschaft normative Bestimmungen enthalte, die insofern nur subjektive Geltung hätten, als der Mensch die Wahl habe, sie zu befolgen oder nicht.

Ein weiterer entscheidender Erkenntnisgewinn aus Shahrurs Erforschung des Korans liegt auch darin, dass diese moderne Betrachtung zu einem neuen Verständnis des für den Islam grundlegenden Begriffs Muslim führte. Shahrur liest aus dem Koran heraus, dass unter einem Muslim ein Mensch zu verstehen ist, der an Gott und das Jüngste Gericht glaubt und gute Taten vollbringt.

Sein und Werden

Shahrur entwickelt eine auf dem koranischen Wortlaut aufbauende Philosophie: Für ihn gibt es zwei fundamentalen Kategorien: “Sein” (kaynuna) und “Werden” (sayrura). Erstes ist göttlich und absolut, zweites ist menschlich und relativ.

Das Sein wird durch das Gotteswort repräsentiert, das er Mohammed in der Offenbarung zuteil werden ließ und das im Koran niedergeschrieben ist. Die Schrift Gottes stellt “Sein in sich selbst” dar, während alles andere “Werden” ist.

Auch das Verständnis des göttlichen Textes ist daher ein beständiges Werden. Shahrur spricht deshalb “von der Fixiertheit des Textes und der Beweglichkeit des Inhalts”, von der Dialektik zwischen Text und Inhalt. Für Shahrur ist der koranische Text in sich abgeschlossen und genügt sich selbst.

Ferner hält er alles, was über den koranischen Text gesagt oder geschrieben wurde, einschließlich der Äußerungen des Propheten Mohammed für geschichtlich verortet.

Der Text der Koran ist jedoch nicht geschichtlich. Allerdings müsse man in den Koranversen zwischen Anweisung und Gesetzgebung unterscheiden. Und immer, wo der Korantext Anweisungen enthalte und keine Gesetzgebung, sei es angebracht, von der Geschichtlichkeit des Textes zu sprechen.

Nur Gottes Wort ist absolut

Shahrurs Beschreibung der Funktion des Korans unterscheidet sich von der herrschenden Meinung der islamischen Gelehrten nicht. Demnach stelle der Koran das “Siegel der Bücher” dar, enthalte also die letzte und endgültige der drei Offenbarungsreligionen.

Der Koran beinhalte die absolute Wahrheit Gottes. Diese könne allerdings vom Menschen nur relativ verstanden werden. Daher könne das jeweilige Koranverständnis einer bestimmten Zeit nur für diese Zeit gelten.

Entsprechend seines zeitabhängigen Koranverständnisses betrachtet Shahrur die Prophetensunna nicht als sakrale Quelle islamischer Normsetzung. Denn Mohammed habe zwar eine besondere Nähe zu Gott gehabt, sei aber ein gewöhnlicher Mensch gewesen, der von seiner arabischen Kultur des 7. Jahrhundert und ihrem Erkenntnisstand geprägt worden sei. Außerdem habe er die Aufzeichnung des Korans, nicht aber die der Sunna angeordnet, so Shahrur.

Auf diese Weise gerät Shahrur unweigerlich in einen heftigen Konflikt mit der islamischen Rechtssprechung, die die Prophetensunna und die Hadithe als die zweite autoritative Quelle islamischen Rechts ansieht.

Nach Shahrurs Ansicht wurden hier die Grenzen zwischen “Sein” und “Werden” miteinander vermischt, denn die fiqh-Begründer machten die Hadithe, die die Prophetensunna überlieferten und zur Zeit der Ababasidenherrschaft im 7. Jahrhundert fixierten, zur Grundlage der islamischen Rechtssprechung.

Statt die Hadithe zu hinterfragen, hätten sie das Zeitalter des Propheten und der vier rechtgeleiteten Kalifen idealisiert und sie auf diese Weise als sakrale Normsetzung anerkannt. Fatalerweise beendeten sie damit die freie Entscheidungsfindung, weil sie glaubten, sämtliche Fragen durch Analogieschluss (qiyas) aus Mohammeds Leben beantworten zu können.

Theorie der Grenzen

Auch auf andere Weise geriet die Scharia ins Kreuzfeuer von Shahrurs Kritik, nämlich durch das, was er zu deren primärer Quelle, dem Koran, anmerkt.

Hier vertritt er beharrlich die These, dass alle bis dato als normativ geltenden Aussagen im Koran als zeitbedingt aufzufassen sind. Unter dieser Prämisse formulierte er eine “Theorie der Grenzen” als universelle Lösung für den Umgang mit göttlichen Handlungsnormen.

Shahrur versteht den Begriff der Grenzen (hudud) nicht wie die traditionelle islamische Leseart als “Gebote” Gottes, sondern vielmehr als die von ihm gesetzten Grenzen.

Nach Shahrurs Ansichten statuiere der Islam kein Recht, sondern stelle nur Grenzen auf, innerhalb derer der Mensch die größtmögliche Freiheit bei der Rechtsfindung genießen müsse. Die Starrheit der gültigen islamischen Rechtssprechung widerspreche der Elastizität des Koran.

Demnach hat Gott für alle im Koran erwähnten menschlichen Handlungen eine obere und eine untere Grenze gesetzt, wobei die untere Grenze das Minimum und die obere Grenze das Maximum dessen darstellt, was das göttliche Gesetz in einem speziellen Falle vorschreibt.

Durch die graduelle Abstufung der Bestrafung wird die Scharia weitgehend flexibilisiert und das reale Strafmaß letztlich nach menschlichem Ermessen festgelegt.

Als Beispiel für die “Theorie der Grenzen” sei die Strafe für Diebstahl erwähnt: Laut Shahrurs Verständnis von Koran-Vers 5:38 ist das Abhacken der Hand die höchste, nicht die einzig mögliche Strafe. Die Richter können den Täter nach Shahrurs Auffassung auch zu ehrenamtlicher Arbeit verurteilen.

Entpolitisierung des Islam

Mit seiner “Theorie der Grenzen” macht Shahrur die Scharia mit den universellen Vorstellungen von Demokratie und Menschenrechten vereinbar. Denn die Strafgesetzgebung, die sich ja zwischen den beiden Grenzen befindet, liegt in der Entscheidungskompetenz der demokratisch gewählten Parlamente.

Shahrur sieht durch sein Verständnis der Gebote Gottes als Grenzen “Hunderte von Millionen an Möglichkeiten” für die Gesetzgebung eröffnet. Hinzu kommt, dass er die völlige Entpolitisierung des Islams fordert, indem er die Notwendigkeit der Trennung zwischen Staat und Religion betont.

Damit vertritt der Aufklärer Shahrur eine dem Islamismus diametral entgegen gesetzte Position. Seiner Ansicht nach ist die Rechtssprechung im Namen Gottes eine Farce zugunsten politischer Machtkalküle.

Shahrurs Werk ist ein umfassender Versuch, die Religion des Islam mit moderner Philosophie ebenso in Einklang zu bringen wie mit dem rationalen, naturwissenschaftlichen Weltbild.

Bemerkenswert an seiner hier nur im Ansatz vorgestellter Argumentation ist die Tatsache, dass er die Notwendigkeit der historischen Relativität des Verständnisses der Rechtsquellen nicht in erster Linie mit Sachzwängen begründet, sondern vielmehr aus der islamischen Theologie heraus.

Der streitbare Islamexeget liefert mit seiner islamisch begründeten, fundamentalen Kritik den besten Beweis dafür, dass die schärfste, aber auch die fruchtbarste Kritik fast immer systemimmanent ist.

Averroes Botschaft wieder beleben

Auch wenn Shahrurs Thesen und sein Bemühen um eine neue Grundlegung bzw. Neuinterpretation der theoretischen Koordinaten dieser Weltreligion überambitioniert wirken und zur Zeit nur ein begrenztes, überwiegend intellektuell versiertes Publikum erreichen, tragen sie aufgrund seiner markanten Positionen zur Belebung des innerislamischen Reformdiskurses beitragen.

Als der einflussreiche, globale Mufti und Dauergast beim einflussreichen Satelliten-Fernsehsender Al-Jazeera, Scheich Yusuf Al- Qaradawi, nach den Werken Shahrurs und deren Bedeutung für die islamische Welt gefragt wurde, antwortet der mächtige TV-Prediger lapidar und zugleich viel sagend: “Das ist eine neue Religion!”

Obwohl Shahrur jegliche Hierarchiebildung im Islam strikt ablehnt, weil sie nur Menschenwerk sei, ist er kein durch und durch überzeugter Rationalist, der jegliche Flucht aus der Realität in das Metaphysische als Desaster auffasst.

Und er möchte gewiss den Islam nicht neu erfinden, vielmehr strebt er die Wiederbelebung der zeitlosen Botschaft des Ibn Ruschd (Averroes) an: dass Offenbarung und Vernunft sich nicht widersprechen, sondern ergänzen.

Loay Mudhoon

© Loay Mudhoon / Qantara.de 2009

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