Schlagwort: Kulturdialog

(Neo)-Islamismus nach dem arabischen Frühling


Internationales Kolloquium: Islamismus im Wandel

Die überraschenden gesellschaftlichen Umbrüche im arabischen Raum besiegelten bislang das Ende von vier despotischen Regimen und schufen Möglichkeiten für neue politischeKonstellationen. Eine nichtideologisierte Jugend erhob sich 2010/2011 auf den Straßen von Tunis, Kairo und andernorts, um bessere Lebensbedingungen, Demokratie, Freiheit und Schutz der Menschwürde zu fordern. Die von diesen jungen Menschen in Gang gesetzten demokratischen Transformationsprozesse bescherten jedoch Islamisten historische Wahlsiege und politische Vitalität.

Islamisten verstehen den Islam als umfassendes gesellschaftspolitisches Programm, das alle Aspekte individuellen Lebens und kollektiver Ordnung durchdringt und als Weltanschauung mit Ideologien westlicher Herkunft konkurrieren soll. Diese Weltanschauung wurde aus europäischer Perspektive stets als Bedrohung für die demokratischen Errungenschaften hiesiger Gesellschaften wahrgenommen.
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Kulurpolitik in Zeiten des Wandels: Arabische Kulturschaffende wollen Selbstbestimmung, Mobilität und keinen „akademischen Tourismus“


Kulurpolitik in Zeiten des Wandels: Arabische Kulturschaffende wollen Selbstbestimmung, Mobilität und keinen „akademischen Tourismus“

"Eine gewisse Niedergeschlagenheit, durchmischt von Trotz und in Wellen erwachendem Widerstandswillen, ist derzeit spürbar. Beherrschend ist das Gefühl, dass die 'Revolution' gleichsam 'gekidnappt' wurde – vom Militär und von den Islamisten", meint Günther Hasenkamp, Programmleiter des Goethe-Instituts in Kairo und Zuständig für Nordafrika und Nahost, im Gespräch mit Loay Mudhoon.

Günther Hasenkamp, Programmleiter des Goethe-Instituts in Kairo erklärt, warum  arabische Künstler treibende Kräfte des Wandels sind.

Schriftsteller, Musiker und Regisseure in den arabischen Ländern sind ein wichtiger Teil der Revolutionen. Doch ihre kulturelle Infrastruktur ist derzeit noch dürftig. Hier kann die internationale Kulturarbeit helfen, meint Günther Hasenkamp, Programmleiter des Goethe-Instituts in Kairo, im Gespräch mit Loay Mudhoon.

Der arabische Frühling hat viele Staaten in Nordafrika und Nahost grundlegend verändert. Das Goethe-Institut in Kairo liegt wenige Meter entfernt vom Tahrir-Platz, dem Epizentrum der „Arabellion“. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Günther Hasenkamp: Nach Mubaraks Sturz lag viel Euphorie in der Luft. Vor dem Institut war ein demolierter Stasi-LKW geparkt mit einem bezeichnenden Graffiti darauf: „The End“. Die Zeichen standen auf radikalem Neubeginn. Man hatte Lust, Kairo als Großbaustelle einer neuen Gesellschaft zu betrachten, auch wenn da die Architekten nicht zu sehen waren. Doch diese Heiterkeit war binnen Wochen verflogen. Nach und nach, spätestens nach dem Sommer, wurde die Enttäuschung größer. Die Nach-Revolution ist ja, wie die berühmten 18 Tage im Januar und Februar, ein sehr emotionaler Prozess. Man erlebt das direkt mit – nicht nur, weil man im Büro jeden Sprechchor vom Tahrir hören kann.

Arabische Kulturschaffende waren und sind ein wichtiger Teil der Revolution. Wie macht sich dieser historische Umbruch in Ihrer Kulturarbeit vor Ort bemerkbar?

Hasenkamp: Kultur kann ein Seismograph für gesellschaftliche Verhältnisse sein, ohne dass sie zu flacher Sozialdiagnostik verkommt. Im vorrevolutionären Ägypten gibt es dafür zahlreiche Beispiele, Al-Aswanis Roman „Das Yacoubian-Haus“ und Ahmad Abdallas Film „Microphone“ sind bekannte Beispiele.

Weniger bekannt ist das Underground-nahe Universum der unabhängigen Kurzfilmer, die gleichsam unter dem Radar der Zensur fliegen. In unserem Projekt „Arab Shorts“ sind solche Arbeiten zu sehen. Womit beschäftigen sich diese Künstler? „Wir sind nicht die Ärzte“, hat Alexander Herzen im fernen 19.Jahrhundert gesagt: „Wir sind der Schmerz“. Das beschreibt die vorrevolutionäre arabische Kultur recht gut. Insofern brauchte man sich nicht zu wundern, so viele Kulturaktivisten unter den Revolutionären zu finden.

Doch die Revolution hat das Leben der Menschen ja sehr grundlegend erschüttert. Man ist aus der Vereinzelung hervorgetreten in eine neue Kollektivität, auch wenn diese wie im Fall der Facebook-Communities nur virtuell ist. Das Private ist plötzlich politisch geworden und das Öffentliche gewissermaßen privat. Demonstranten nahmen einen Besen in die Hand um auf dem Tahrir die Straße zu fegen. Denn jetzt war es „ihr“ Platz und nicht mehr der polizeibewachte fremde Raum. Hier hat eine Wiederaneignung stattgefunden. Man hat eingenommen, was einem entwendet worden war – ein Gefühl, das der Occupy-Bewegung anderswo auf der Welt sicher sehr nachvollziehbar ist, bei allen sonstigen Unterschieden.

Das ist alles sehr vielschichtig und komplex. Im Dezember haben wir, zusammen mit der Kulturorganisation „Al-Mawred Al-Thaqawy“, versucht, einige dieser Zusammenhänge auf einem „Forum“ mit arabischen und europäischen Gästen zu diskutieren – da schwankte die Stimmung zwischen Euphorie und Depression. Solche schwankenden Situationen kommen jetzt oft vor.

Deutschland und Europa wurden vom Ausbruch der Revolutionswelle vor einem Jahr überrascht. Wie hat das Goethe-Institut auf diese dramatischen Ereignisse reagiert?

Hasenkamp: Es war schnell deutlich, dass die demokratischen Kräfte im Wortsinn keinen „Raum“ hatten, sich zu entfalten. Wir haben dann unsere ehemalige Galerie demokratischen Jugendinitiativen zur Verfügung gestellt und sie in „Tahrir Lounge“ umbenannt. In Selbstverwaltung der jungen Leute entstand da sehr schnell ein reger Versammlungs- und Seminarbetrieb, auch Konzerte und sogenannte „Tweet Nadwas“, wo man ein Thema diskutiert während dazu Twitter-Nachrichten auf eine Wand projiziert werden. Die Aktivitäten der „Tahrir Lounge“ sind im Grunde politische Bildungsarbeit.

Schon im März starteten wir im Internet ein Webjournal namens „Transit“. Wir wollten, wie bei einem „Zeit-Recorder“, junge Leute bitten mitzuschreiben, welche Themen, Stimmungen und Diskussionen sie jetzt bewegen. Nicht unbedingt, um es zu dokumentieren – sondern weil der historische Moment da war, ohne Angst vor Repression zu sagen, was man denkt. Alles sehr direkt, sehr wirklichkeitsnah, sehr eindrucksvoll.

Unser bestehendes Engagement für den arabischen Film erwies sich als hilfreich. Im Sommer veranstalteten wir mit dem Berliner „Arsenal“ eine arabische Filmwoche. Da konnten wir zeigen, welche Bedeutung die unabhängigen, staatsfernen Szenen hatten.

Sie möchten den jungen Demokratieaktivisten also Raum zum Diskutieren und Debatieren geben. Unter dem Mubarak-Regime durften viele Kulturinstitutionen politische Themen nicht ansprechen. Wie frei können Sie als Kulturakteur agieren, existieren zensurfreie Räume?

Hasenkamp: Unter Mubarak war es sehr wichtig, dass es geschützte Räume gab. Der 25. Januar und erst recht der 11. Februar, der Sturz des Diktators, waren dann wie eine Erlösung: Endlich konnte man frei politisch diskutieren! Es hat nicht lange gedauert, bis das Militär begann, massiv gegen Kritiker vorzugehen.

Aktuell müssen sich einige Nichtregierungsorganisationen – einige amerikanisch unterstützte, aber auch die Konrad-Adenauer-Stiftung – bedroht fühlen, deren Büros durchsucht und deren Mitarbeiter soeben mit Ausreiseverbot belegt worden sind. Hier tut sich ein unschöner Widerspruch auf: Während westliche Regierungen die Förderung der „Zivilgesellschaft“ als Beitrag zum demokratischen Aufbau verstehen, sehen das Militär bzw. staatliche Stellen eben jene „Zivilgesellschaft“ als Bedrohung, als Agent der Destabilisierung an. Und noch etwas kommt hinzu: Nach dem Wahlsieg der islamistischen Parteien wird gerade von den Kulturszenen sehr aufmerksam beobachtet, ob die neue Regierung der Kultur den nötigen Freiraum lässt. Es könnte also sein, dass geschützte Räume ihre Bedeutung behalten.

Vielleicht muss ein Kulturinstitut ohnehin so etwas sein wie ein „Feldlazarett“ – ein Ort außerhalb irgendwelcher Kampfzonen, ein Ort des Rückzugs, wo man sich kümmert, gerade wenn etwas zerbrochen ist und Ungewissheit herrscht, wie es weiter geht.

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Seit dem Ausbruch des arabischen Frühlings hoffen viele arabische Kulturschaffende in der Region auf einen schnellen Wandel. Nun ist die anfängliche Begeisterung, wie Sie es gerade beschrieben haben, merklich gedämpft. Welche Möglichkeiten hat die internationale Kulturarbeit, bei der Gestaltung des Übergangprozesses zu helfen?

Hasenkamp: Eine gewisse Niedergeschlagenheit, durchmischt von Trotz und in Wellen erwachendem Widerstandswillen, ist derzeit spürbar. Beherrschend ist das Gefühl, dass die „Revolution“ gleichsam „gekidnappt“ wurde – vom Militär und von den Islamisten.

Viele Künstler, so geht ein Bonmot, produzieren derzeit entweder nichts oder jedenfalls nichts über die Revolution. Dabei kann man, gerade als Künstler, diesem Thema kaum ausweichen. Natürlich gibt es viel Deskription. Da sind die vielen Dokumentarfilme, deren ästhetische Verfahren zwar vorhersehbar bleiben, die aber durch die emotionale Kraft ihrer Bilder fesseln. Man bleibt eben nicht unbeteiligt, wenn man auf der Leinwand zusieht wie ein panisch werdender Polizist seine Pistole gegen Demonstranten abdrückt. Dann gab es Initiativen wie „Mayadin-al-Tahrir“ (Deutsch: Tahrir-Platz), die mit kurzen Spielfilmen und Videoclips politische Bildungsarbeit im Vorfeld der Wahlen betrieben.

Am meisten Aufsehen erregen jene direkten politischen Interventionen, die mit künstlerischen Mitteln erfolgen. In Syrien ließen Aktivisten rote Farbe in öffentliche Springbrunnen ein, so dass „Blut“ floss in der Stadt – bis die Behörden das Wasser abstellten. In Kairo fanden sich Befehlshaber der Polizei, die Schießbefehl gaben, auf „Wanted“-Plakaten und mit Schablonen gesprayt als Graffiti wieder. Die sarkastische und angriffslustige Straßenkunst, etwa der sich selbst so nennenden „Höhlenmenschen“ in Tunesien, ist enorm populär.

Film und Theater sind vorwiegend dokumentarisch, und ein Schlüsselmedium derzeit ist das digitale Bild. Medieninitiativen wie „Mosireen“ oder „Kazeboon“ filmen Polizeigewalt und zeigen diese auf Youtube oder bei improvisierten Screenings auf Straßen und Plätzen, so beispielsweise beim „Tahrir Cinema“ im letzten Sommer.

An diesem Wochenende hat man, aus einer Demonstration heraus, direkt an den Büroturm des staatlichen Fernsehens Filmbilder projiziert, die dort niemals gesendet würden – das waren „Gegen-Bilder“ im Wortsinn und Versuche zu zeigen, wie es „wirklich“ ist. Das erscheint als Gebot der Stunde, und „No time for art“ heißt denn auch ein dokumentarisches Theaterstück der jungen ägyptischen Regisseurin Leila Soliman vom vergangenen Jahr.

Es zeichnet sich aber ein paralleler Prozess ab, eine Explosion der Kreativität, die von einem starken Bedürfnis nach kultureller Selbstvergewisserung getragen wird. Und in Diktaturen geht ja mit der Freiheit auch die Schönheit verloren. Allerorten entstehen junge Bands, neue Theaterstücke und zahlreiche Filme, und man wird ein neues Interesse an der eigenen Geschichte vorhersagen können. Aber es gibt zu wenige Kulturzentren, Bühnen, Proberäume. Die kulturelle Infrastruktur reicht nicht aus, hier sind Investitionen nötig. Auch fehlt es an Know How. Professionelle Kulturmanager zum Beispiel sind wirklich Mangelware. Hier kann die internationale Kulturarbeit sinnvolle Angebote machen. Hier liegen auch die Schwerpunkte der kulturellen „Transformationspartnerschaft“, die das Auswärtige Amt mit Ägypten vereinbart hat.

Welche Erwartungen haben arabische Kulturschaffende an Deutschland und Europa?

Hasenkamp: Was wir wahrnehmen ist, dass man ihnen zuhört. Dass der Westen ehrlich umgeht mit seiner langjährigen Unterstützung für die arabischen Diktaturen. Dass man keinen „akademischen Tourismus“ pflegt, wo Kuratoren und Wissenschaftler einfliegen und die arabischen Kulturaktivisten lediglich als Auskunftsgeber und Materiallieferanten für eigene Produktionen betrachten. Man will endlich Selbstbestimmung – auch gegenüber dem Rest der Welt. Und man will Mobilität – Isolation war gestern.

Das Gespräch führte Loay Mudhoon

© Qantara.de 2012


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Der große übersetzter und Literaturvermittler Fuad Rifka ist gestorben


Der große übersetzter und Literaturvermittler Fuad Rifka ist gestorben

"Jede Kultur hat ihre eigene Identität. Aber das soll nicht bedeuten, dass keine Kommunikation zwischen den einzelnen existiert", sagte Fuad Rifka.

Am vergangenen Samstag ist der 1930 in Syrien geborene Dichter und Übersetzer von Hölderlin, Rilke, Trakl und zahlreichen weiteren deutschen Lyrikern ins Arabische im Libanon verstorben. 1965 in Tübingen über Heideggers Ästhetik promoviert, lehrte er seit 1966 Philosophie in Beirut an der American University.

Für seine Übertragungen deutscher Dichtung ins Arabische wurde Fuad Rifka 2001 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, deren korrespondierendes Mitglied er war, mit dem Friedrich-Gundolf-Preis ausgezeichnet. Von der Bundesrepublik wurde Rifka 2005 mit dem Verdienstorden (Bundesverdienstkreuz) und 2010 mit der Goethe-Medaille ausgezeichnet.

Seine eigenen Gedichte sind auf Deutsch zuletzt in den Bänden „Das Tal der Rituale“ 2002 im Verlag Straelener Manuskripte und „Die Reihe der Tage einziger Tag“ 2007 im Verlag Hans Schiler erschienen.

Wir trauern um einen herausragenden Dichter, Mittler zwischen den Kulturen und sehr guten Freund.

Beiträge über Fuad Rifka: Der Advokat poetischer Achtsamkeit

Im Alter von 80 Jahren ist am vergangenen Samstag der bekannte libanesische Dichter Fuad Rifka gestorben. Zusammen mit Adonis und Mahmud Darwish zählte er zu den großen Erneuerern der arabischen Lyrik, hatte in seiner Generation jedoch bis zuletzt eine Sonderstellung inne. Mehr 

Interview mit Fuad Rifka
Im deutschen Denken zuhause
Der syrisch-libanesische Dichter und Denker Fuad Rifka arbeitet zurzeit an einer neuen zweisprachigen Anthologie deutscher Lyrik in Berlin. Youssef Hijazi sprach mit ihm über seine Liebe zur deutschen Kultur und über die Schwierigkeiten des Übersetzens.

www
Fuad Rifka beim Goethe Institut
Professor Fuad Rifka wurde 1930 in Syrien geboren. Als Kind ging er mit seiner Familie nach Libanon, wo er aufgewachsen ist. Er studierte in Beirut Philosophie und promovierte in Tübingen über die Ästhetik bei Heidegger. Auf Deutsch liegt von ihm das zweisprachige Gedichtband „Die Reihe der Tage Ein einziger Tag“ (2006 Hans Schiler Verlag). „Das Tal der Rituale“, Gedichte, arabisch-deutsch (2002, Straelener Manuskripte-Verlag. „Geschichte eines Indianers“ (1994, Heiderhoff). „Tagebuch eines Holzsammlers“, Gedichte (1990, Heiderhoff). Rifka erhielt er im Herbst 2001 den Friedrich-Gundolf-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Internationale Qantara-Konferenz zur Rolle der Medien im interkulturellen Dialog im Auswärtigen Amt in Berlin: Unruhestifter oder Vermittler?


Internationale Qantara-Konferenz zur Rolle der Medien im interkulturellen Dialog im Auswärtigen Amt in Berlin: Unruhestifter oder Vermittler?

Unruhestifter oder Vermittler?": (v.l.) Abdelbari Atwan, Volker Perthes und Michael Slackman diskutierten kontrovers über die Rolle der Medien im interkulturellen Dialog

Glaubwürdigkeit als Schlüssel zum Dialog

Berlin – Wie berichten wir über den Islam? Wie erreichen wir hohe Glaubwürdigkeit als Vermittler zwischen den Kulturen? 300 Experten und Medienmacher aus Europa und islamischen Ländern suchten auf der internationalen Qantara-Konferenz in Berlin nach Antworten.

Die Rolle der Medien im Dialog der Kulturen war Thema der internationalen Konferenz am Montag und Dienstag, 25. und 26. Oktober, im Auswärtigen Amt. Die Experten und Medienmacher diskutierten über journalistische Verantwortung in Krisensituationen und über das Web 2.0 als Herausforderung für den Qualitätsjournalismus und den interkulturellen Dialog. Zur Tagung im Zeichen des Online-Portals Qantara.de hatten Deutsche Welle und Auswärtiges Amt eingeladen.

Der Sonderbeauftragte der Bundesregierung für den Dialog zwischen den Kulturen, Botschafter Heinrich Kreft, eröffnete die Konferenz. Programmdirektor der Deutschen Wwelle Christian Gramsch sagte in seinem Impulsreferat unter anderem „Nichts fördert das gegenseitige Verständnis besser als eine professionelle Recherche und eine verantwortungsvolle Darstellung – und als Vermittler zwischen den Kulturen benötigen die Medien vor allem eines: eine hohe Glaubwürdigkeit durch verlässliche und nachprüfbare Qualitätsstandards. Das Portal Qantara.de, das wir gemeinsam mit unseren Partnern betreiben, kann dabei ein Vorbild sein.“

Volker Perthes, Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik, moderierte eine Debatte zwischen Abdelbari Atwan, Chefredakteur von Al-Quds Al Arabi, und Michael Slackman, Bürochef der New York Times in Berlin. Es ging um die gegenseitige Wahrnehmung und den Einfluss der in den Medien übermittelten Bilder. Eine Polemik von Abdelbari Atwan löste eine kontroverse Debatte aus: „Wenn Farbige diffamiert werden, ist es Rassismus; wenn Juden diffamiert werden, ist es Antisemitismus; und wenn Muslime diffamiert werden – dann ist das Pressefreiheit?!“

Michael Slackman verwies demgegenüber auf Defizite bei der Pressefreiheit in der arabischen Welt und betonte, dass hier nach Ländern differenziert werden müsse. Skeptisch zeigte er sich gegenüber der Idee eines „globalen Pressekodex“: „Ein solcher Kodex könnte zu massiven Einschränkungen der Pressefreiheit führen, insbesondere in vielen autoritär regierten Staaten“

„Teufelskreises der Provokation“

Internationale Qantara-Konferenz zur Rolle der Medien im interkulturellen Dialog im Auswärtigen Amt in Berlin

In weiteren Panels diskutierten die Teilnehmer über globale Standards und die Anforderungen, die die Entgrenzung der Medien an die Spielregeln journalistischer Arbeit stellt. Insbesondere der hohe Aktualitätsdruck wurde von vielen Medienmachern als großes Problem dargestellt. Gerade bei komplexen Themen seien Einordnung und Analyse zwar nötig, doch komme diese faktisch oft zu kurz – erklärte Yassin Musharbash von Spiegel Online: „Natürlich verkaufen sich brandaktuelle Themen besser, aber zugleich sehe ich immer wieder, wie groß die Nachfrage nach Backgrounds ist. Ich glaube, die Leser wollen das!“

Ute Schaeffer, Leiterin der Afrika- und Nahostprogramme der Deutschen Welle, warf einen kritischen Blick auf die Berichterstattung europäischer Medien über die islamische Welt und die Integrationsdebatten in Europa. Sie mahnte mehr Professionalität und Sensibilität an: „Die Art, wie wir mit dem Thema Muslime oder Integration der Muslime umgehen, ist ein großer Test dafür, wie ernst wir es mit journalistischen Standards nehmen. Wenn wir das in Zukunft nicht besser machen, dann stacheln wir die öffentliche Diskussion an – und die Medien machen sich zum Teil eines Teufelskreises der Provokation“.

Web 2.0 und Qualitätsjournalismus

Einigkeit herrschte darüber, dass Blogs und andere Formate eines „Bürgerjournalismus“ via Facebook, Twitter und Co inbesondere in Ländern mit autoritären Regimes unverzichtbar seien. Sie transportierten – wie im Fall des Iran – genau jene Themen, die in den staatlichen Medien unterdrückt würden. Ein Ende des Qualitätsjournalismus sei durch individualisierte Formen der Berichterstattung in sozialen Netzwerken nicht zu befürchten, meinte die iranische Bloggerin Farnaz Seifi: „Ich denke, beides ergänzt sich und ergibt ein Ganzes.“

© Deutsche Welle  2010

Berichte von der internationalen Qantara-Konferenz:

Arabische Medien: Zwischen Pressezensur und Stereotypen
Nutzen und Gefahr der Neuen Medien – Web 2.0 im Nahen Osten

Offen und kritisch: der Deutsch-arabische Mediendialog

Internationale Mediendialoge des Auswärtigen Amts: Über Grenzen hinweg

Pressemitteilung des Auswärtigen Amtes vom 22.10.2010 Fünftes Focal Point Meeting der VN-Initiative Allianz der Zivilisationen

Das Online-Magazin Qantara.de: Seriöse und kompetente Brücke zur islamischen Welt


Das Online-Magazin Qantara.de: Seriöse und kompetente Brücke zur islamischen Welt

Dialog auf fünf Sprachen: Qantara.de

Das Internetportal Qantara.de, ein Projekt der Deutschen Welle, will die Verständigung zwischen verschiedenen Kulturkreisen fördern und mit Vorurteilen aufräumen. Das wurde auch von der Jury der Civis-Stiftung honoriert, die das Online-Magazin Qantara.de für den europäischen Civis-Medienpreis 2010 für Integration und kulturelle Vielfalt in Europa nominierte: „Ein ernsthafter Dialog mit der islamischen Welt – seriös und kompetent“, heißt es in der Begründung.

Das Internetportal Qantara.de lässt schon im Namen sein Ziel erkennen: „qantara“ ist Arabisch und bedeutet „Brücke“. Der Name ist Programm, denn das Portal will Brücken zwischen Orient und Okzident, zwischen christlich geprägten Europa und den islamisch geprägtem nah- und mittelöstlichen Kulturen schlagen. 2003 wurde es gegründet, vor dem Hintergrund der Entwicklungen nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001, als Muslime weltweit unter Generalverdacht gerieten.

Seither ist das Thema „Islam“ in allen Medien präsent, doch es werde oftmals nicht ausreichend zwischen dem Islam als Religion und dem Islamismus als politischer Ideologie getrennt, kritisiert Qantara.de-Redaktionsleiter Loay Mudhoon.

„Darum bieten wir Hintergründe und Erklärungen, um Vorurteile abzubauen und Wissenslücken zu schließen. Wir wollen keine bestimmte Sichtweise vorgeben, sondern stehen für eine Kultur der Deeskalation – das ist die Hauptaufgabe von Qantara.de.“

Pluralität der Meinungen

Qantara.de ist ein Projekt der Deutschen Welle, an dem auch das Goethe-Institut, das Institut für Auslandsbeziehungen und die Bundeszentrale für politische Bildung beteiligt sind. Finanziell gefördert wird es vom Auswärtigen Amt, denn dort messe man dem Dialog mit der islamischen Welt eine ganz besondere Bedeutung bei, so Werner Wnendt, Leiter der Abteilung für Kultur und Kommunikation: „Wir schätzen die reiche kulturelle Tradition der islamischen Welt und deren Vielfalt“, sagt er. Gleichwohl bedürfe es auch der Vermittlung zwischen Ost und West: „Dialog erfordert verstehendes Zuhören und engagiertes Vermitteln.“

Das setzt Qantara.de um mit Beiträgen zu Politik, Gesellschaft und Kultur, in denen westliche und orientalische Autoren zur Wort kommen. Artikel, die das Ziel haben, Verständigung zwischen den verschiedenen Kulturkreisen zu fördern und mit Vorurteilen aufzuräumen. Die „Pluralität der Meinungen“ sei wichtig, wie Redaktionsleiter Mudhoon betont: „Viele Beiträge, Kommentare und Essays von islamischen Autoren übersetzen wir ins Deutsche und Englische. Das findet man in anderen Onlinemedien nicht und das ist das Alleinstellungsmerkmal von Qantara.de.“

Fünfsprachiges Angebot

Brücken baut Qantara.de auch, weil es fünfsprachig ist: Die Texte erscheinen im Netz auf Englisch, Türkisch, Arabisch, Indonesisch und Deutsch. Dabei werden auch, oder gerade, strittige Themen angegangen: Die „EU-Tauglichkeit“ der Türkei etwa, der Karikaturenstreit oder die Rolle der Frauen im Islam. Wichtig sei, so Mudhoon, dass das Portal in beide Richtungen wirke: „Bestes Beispiel ist der Iran. Wir haben in den letzten Monaten sehr vielen iranischen Autoren die Möglichkeit gegeben, hier zu veröffentlichen, wir haben persische Texte organisiert, damit die Autoren die Situation in ihrer Heimat aus ihrer Sicht darstellen, ohne, dass wir von außen, völlig anmaßend, sagen, wie die Situation bei ihnen aussieht.“

Redaktiosnleiter Loay Mudhoon glaubt, dass sowohl im Orient als auch im Westen wenig Wissen über den jeweils Anderen herrscht, dafür aber umso mehr Vorurteile und Voreingenommenheit. Zu deren Abbau trägt Qantara.de mit täglich mehr als 30.000 Klicks bei. Das wurde auch von der Jury der Civis-Stiftung honoriert, die Qantara.de für den Civis-Medienpreis 2010 für Integration und kulturelle Vielfalt in Europa nominierte: „Ein ernsthafter Dialog mit der islamischen Welt – seriös und kompetent“, heißt es in der Begründung.

Autorin: Ina Rottscheidt

Veröffentlicht am 23.04.2010

Quelle: Deutsche Welle

Meedan.net: Online-Übersetzungsdienst für eine bessere Welt


Meedan.net: Online-Übersetzungsdienst für eine bessere Welt

Meedan – Übersetzungen für eine bessere Welt

Der Nahe Osten und die westliche Welt scheinen immer weiter auseinander zu driften. Das soziale Netzwerk Meedan versucht mit Hilfe eines Online-Übersetzungsdienstes vom Englischen ins Arabische – und umgekehrt – Spannungen zwischen den beiden Kulturen abzubauen. Ziel ist es, eine Plattform zu schaffen, in der durch Kommunikation beide Seiten voneinander lernen können.

Die Plattform Meedan, arabisch für „Versammmlungsplatz“, ist seit Mai 2009 in einer Vorab-Version im Internet und soll nun nach positivem Feedback offiziell als soziales Netzwerk in einer Beta-Version online gehen. Eine halbe Million Besucher sollen nach eigenen Angaben des Non-Profit-Unternehmens bereits den automatischen Übersetzungsdienst vom Englischen ins Arabische – und umgekehrt – genutzt haben. Meedan erhält finanzielle Unterstützung von den Stiftungen Fords, Rockefellers und Ciscos für seine Mission, mehr Diplomatie zwischen dem Mittleren Osten und dem Westen aufzubauen.

Aus sozialen Mustern ausbrechen

Meedan verbindet den klassisch automatischen Übersetzungsdienst via Maschine mit interaktiven Elementen einer Community. Zeitungsartikel, Nachrichten, Veranstaltungen werden zweisprachig als so genannte „Meedian Events“ gepostet und können anschließend von Nutzern als Themen im Forum aufgegriffen, verlinkt und kommentiert werden. Die Beiträge werden zunächst maschinell übersetzt und anschließend von einem Team aus Redakteuren und Übersetzern redigiert.

Ziel ist ein interaktiver Austausch zwischen englischsprachigen Nutzern und arabischen Muttersprachlern über die Grenzen ihrer eigenen Kultur hinaus. „Nutzer bekommen hier die Chance, aus ihren sozialen Mustern auszubrechen und Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Lasst jemanden in Nebraska ein Event mit den Augen eines Nutzers in Nablus sehen“, so Manager George Weyman.

Regierungen sperren sich

Meedan ist wie die anderen sozialen Netzwerke auf den Prinzipien der Freiheit aufgebaut. Regierungen sperren sich gern gegen diese Form der freien Gedankenaustauschs im Internet und haben bereits versucht, ihre Seiten vor Meedan zu schützen. Weyman beteuerte, die Regierung nicht verärgern zu wollen, sein Team und er wollten lediglich Räume schaffen, in denen Menschen sich austauschen und voneinander lernen können.

Links zum Thema

Quelle:

http://www.netzwelt.de/news/82056-link-wink-meedan-uebersetzungen-bessere-welt.html

Weitere Beiträge zu den Medien in der arabischen Welt

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Nischen der Meinungsfreiheit
Der Präsident der „Arabischen Organisation für Medienfreiheit“ Ibrahim Nawwar, der Ägypter Alaa Saif und der amerikanische Wissenschaftler Joshua Landis diskutieren mit Ahmad Hissou über Pressefreiheit in der arabischen Welt und über die Zukunft des Bloggens.

Bloggen im Krieg
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Das Internet kennt keine Grenzen, das zeigen die Diskussionen libanesischer und israelischer Blogger über den Krieg im Libanon. Über die Grenzen hinweg entwickelte sich ein noch nie da gewesener Dialog. Von Ingmar Kreisl

Medien in der Islamischen Republik Iran
Zwischen Selbstzensur und Unterdrückung
Im Iran sind Massenmedien der Zensur und der Willkür des staatlichen Kontrollapparates unterworfen. Sofern Journalisten nicht der herrschenden Ideologie genügen wollen, müssen sie oft mit drastischen Repressionen rechnen – oder ins Ausland fliehen. Von Asghar Schirazi

Mehr als Vernunft und Sprache


Mehr als Vernunft und Sprache

  Mehr als Vernunft und Sprache

 
Die aktuelle Ausgabe von „KULTURAUSTAUSCH – Zeitschrift für internationale Perspektiven“ widmet sich dem Thema „Körper“

Stuttgart, 1.4.2010 – Jeder Mensch hat einen: Körper. Das höchst komplizierte und komplexe System besteht zwar zum größten Teil aus Wasser, doch ist der Körper weitaus mehr, als nur ein Werkzeug. Die aktuelle Ausgabe der KULTURAUSTAUSCH schaut auf den Körper, darauf, wie sich Menschen unterschiedlicher Kulturen empfinden, wie sie sich gegenseitig anschauen, welche Bedeutung sie einzelnen Organen geben und wie sie die Trennung oder auch Vereinigung von Geist und Körper verstehen oder mit dem Tod umgehen.Dass Mutterratten schlauer sind als jungfräuliche Tiere, erklärt die amerikanische Autorin Siri Hustvedt im Interview. Richard Shusterman , Leiter des „Center for Body, Mind and Culture“ an der Atlantic University in Florida, belegt, weshalb der Mensch mehr als Vernunft und Sprache und der Körper sein wichtigstes Werkzeug ist. Der britische Psychoanalytiker Phil Mollon denkt über den Zusammenhang von Sexualität und Scham nach. Und die indisch-amerikanische Schriftstellerin Ananya Vajpeyi beschreibt, warum Frauen nach einem alten Hindu-Glauben vor der Erkenntnis der unausweichlichen Sterblichkeit geschützt werden.Auch in diesem Heft: Shi Ming und Georg Blume fragen sich, ob die deutsche Kulturpolitik in China gescheitert ist, Giaconda Belli erzählt von ihrem Lieblingsort – dem Vulkan Momotombo in Nicaragua und Assaf Gavron erklärt, warum viele israelische Straßen nach Feldfrüchten benannt sind.  Über KULTURAUSTAUSCH – Zeitschrift für internationale Perspektiven
Seit 1951 erscheint „KULTURAUSTAUSCH – Zeitschrift für internationale Perspektiven“ vierteljährlich. Sie wird vom ifa zusammen mit dem ConBrio-Verlag herausgegeben.
Das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) ist die älteste Mittlerorganisation für Auswärtige Kulturpolitik Deutschlands. Es wird gefördert durch das Auswärtige Amt, das Land Baden-Württemberg und die Landeshauptstadt Stuttgart.Ein kostenloses Rezensionsexemplar schicken wir auf Anfrage gerne an Ihre Redaktion. 

Pressekontakt:
Institut für Auslandsbeziehungen (ifa), Miriam Kahrmann, Charlottenplatz 17, 70173 Stuttgart, Tel. 0711-22 25 105, Fax 0711-22 25 131, E-Mail: kahrmann@ifa.de , www.ifa.de

Internationale Mediendialoge des Auswärtigen Amts: Über Grenzen hinweg


Internationale Mediendialoge des Auswärtigen Amts: Über Grenzen hinweg

Die internationalen Mediendialoge des Auswärtigen Amts bringen Publizisten aus verschiedenen Kulturkreisen an einen Tisch und öffnen den Blick

Welche Folgen haben die jüngsten weltwirtschaftlichen Entwicklungen auf die wechselseitigen Wahrnehmun­gen der arabi­schen und deutschen Gesellschaften? Können die in Deutschland und Eu­ropa gemachten Erfahrungen den Transformationsprozessen im Nahen Osten neue Impulse geben? Diese Fragen standen im Mittelpunkt des jüngsten internationalen Mediendialogs des Auswärtigen Amtes – Mitte Oktober 2009 in Damaskus. Rund 30 Journalisten und Medien­experten nahmen an diesem Treffen teil. Sie kamen aus Deutschland und sieben arabischen Ländern; das gemeinsam diskutierte Thema: „Medien und Transformationsprozesse“.

Die regelmäßig vom Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) im Auftrag des Auswärtigen Amtes geplanten bilateralen oder regionalen Mediendialoge gehören zu den wichtigen Instrumenten der deutschen politischen Öffentlichkeitsarbeit im Ausland. Dabei kommen Medienmacher aus Deutschland mit Kol­leginnen und Kollegen aus den verschiedensten Ländern ins intensive Gespräch. Dazu gehörten bisher zum Beispiel ­China, Pakistan, die Türkei, Israel, Indonesien, die Ukraine, Frankreich, Zen­tral­asien, die GUS-Staaten, mittel- und südosteuropäische Länder, Länder des östlichen und südlichen Afrikas, die Mongolei, Serbien, Kroatien und Kasachstan.

Am runden Tisch tauschen Journalisten, Publizisten, Medienmanager und Politiker Erfahrungen aus der journalistischen Praxis aus und diskutieren aktuelle Medienfragen. „Diese Begegnungen von Multiplikatoren aus verschiedenen geografischen Räumen und Kulturkreisen schaffen zusätzlich grenzübergreifende Netzwerke und regen Kooperationen an“, sagt ifa-Generalsekretär Ronald Grätz. Viele Teilnehmer entwickelten durch die Mediendialoge bleibende Kontakte: „So wird auch ein intensiver Austausch zwischen den Redaktionen gefördert, und das kommt – durch aktuellere Informationen sowie eine bessere Kenntnis der Hintergründe – natürlich auch der Berichterstattung zugute.“ Das bestätigt ein „Mann der Praxis“. Victor Kocher, langjähriger Nahostberichterstatter der „Neuen Zürcher Zeitung“ und jetzt Korrespondent bei den Vereinten Nationen in Genf, hat an einer Reihe von Mediendialogen mit der arabischen Welt teilgenommen. Die Auseinandersetzung mit den großen aktuellen Themen – wie demokratische Reformen, Terrorbekämpfung oder Meinungsfreiheit – unter gleichgestellten Kollegen und auf einer Grundlage der Selbstkritik und der konstruktiven Kritik am anderen „baut“, so der Schweizer Journalist, „gegenseitige Vorurteile ab und öffnet den Blick für eine sachgemäße Darstellung über den west-östlichen Graben hinweg“.

Das Thema „Spannungsfeld zwischen Regierung, privaten und öffentlichen Medien“ behandelte – ebenfalls im Oktober 2009 – der aktuelle deutsch-lateinamerikanische Dialog in Quito, mit Teilnehmern aus Bolivien, Chile, Ecuador und Deutschland. Der Vergleich der Mediensysteme dieser Länder diente einem doppelten Ziel: die Stärken und Schwächen der Verhältnisse im jeweils eigenen Land genauer wahrzunehmen und von den Erfahrungen der anderen Länder zu lernen. Kernpunkte waren die ­normativen Vorgaben der Medienordnun­gen (private/öffentlich-rechtliche Medien, Staatsmedien), Merkmale politischer Kommunikation, die Organisation regionaler und lokaler Öffentlichkeit, die – immer größer werdenden – Finanzprobleme der Medien und die Selbstorganisation und Ausbildung der Journalisten.

Einen Blick in die Zukunft der Mediendialoge wagt Barbara Kuhnert, bisherige stellvertretende Leiterin der Abteilung „Dialoge“ beim Stuttgarter ifa. Sie hat die Medien­dialoge des Auswärtigen Amtes seit 1997 entwickelt und auch „vor Ort“ begleitet: „Anlass für die Mediendialoge war seinerzeit, Stereotypen und Vorurteilen durch eine ausgewogene Berichterstattung entgegenzuwirken. Mit einigen Ländern wird dies auch künftig notwendig und richtig sein. Die Erfahrung hat allerdings bei den jüngsten Mediendialogen gezeigt, dass eine Fokussierung auf ­globale Themen, wie zum Beispiel Umweltpolitik, Wirtschaftssysteme, Vergangenheitsaufarbeitung größere Chan­cen für eine interkulturelle Nachhaltigkeit im Sinne von Ideen für neue Projekte und Netzwerke bietet. Daher sehe ich die Zukunft der Mediendialoge in einer noch stärkeren Verflechtung mit der Zivilgesellschaft und deren aktuellen Themen.“

Quelle: Mediendialoge des ifa

22.12.09

Mediendialoge des ifa

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Am 1. November 1996 ging der arabische Nachrichtensender Al Dschasira aus Katar auf Sendung. Die neue Art der Berichterstattung schlug in der arabischen Welt ein wie eine Bombe, doch schon bald wurde der Sender von westlichen wie arabischen Regierungen scharf kritisiert. Von Larissa Bender

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Übersehene Blickwinkel
Medien neigen zu negativer Berichterstattung, Gewalttäter werden dagegen oft mit Aufmerksamkeit belohnt. Friedensstiftende Initiativen machen kaum Schlagzeilen. Eine oberflächliche Berichterstattung in westlichen Zeitungen und Sendern führt außerdem dazu, dass die Öffentlichkeit den Kontext vieler Konflikte nicht versteht. Claudia Rittel sprach darüber mit dem Friedensjournalisten und Friedensforscher Johan Galtung.

Deutsch-Arabischer Mediendialog in Dubai

Die Stadt als Labor in der Wüste

Ein Deutsch-Arabischer Mediendialog diskutiert vor dem Hintergrund der multikulturellen, postmodernen Megastadt Dubai die Wirkungen für die Region und die arabische Identität. Ist das alle Grenzen sprengende Städtebauprojekt zukunftsweisend – oder wird es an seinen Widersprüchen scheitern? Von Rüdiger Heimlich

Deutsch-arabischer Mediendialog
Medienkulturen im Zeitalter der Globalisierung
Fernsehberichterstattung findet stets vor dem kulturellen Hintergrund des Senders statt, so Oliver Hahn, Kommunikationswissenschaftler an der TU Dresden. Er plädiert für eine engere Zusammenarbeit zwischen westlichen und arabischen Medien.

Austausch arabischer und deutscher Kulturjournalisten
Kritisches Feuilleton gleich demokratisches Bewusstsein?
„Living Globality“ – dieses Begegnungsprojekt der Heinrich-Böll-Stiftung möchte Kulturjournalisten aus Europa und der arabischen Welt ermöglichen, ihre Meinungen und Erfahrungen auszutauschen. Martina Sabra hat mit Machern und Teilnehmern gesprochen.

Deutsche Kulturjournalisten im Nahen Osten
Die positiven Seiten der Globalisierung


Innerhalb des Projekts „Living Globality“ trafen sich acht deutsche und arabische Kulturjournalisten zu einem Workshop in Beirut. Diskutiert wurde über das Thema „Kultur und Urbanität“. Bernhard Hillenkamp hat zugehört.

Arabische Satellitenmedien
Al Dschasira – das Rätsel aus Katar


Am 1. November 1996 ging der arabische Nachrichtensender Al Dschasira aus Katar auf Sendung. Die neue Art der Berichterstattung schlug in der arabischen Welt ein wie eine Bombe, doch schon bald wurde der Sender von westlichen wie arabischen Regierungen scharf kritisiert. Von Larissa Bender

Deutsch-arabischer Mediendialog in Rabat:

Überraschungen auf beiden Seiten

Die Lebenssituation von Frauen in Europa und der arabischen Welt und ihre Darstellung in den Medien waren Thema des jüngsten „Deutsch-Arabischen Mediendialogs“. Das in Stuttgart ansässige Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) fördert schon seit einigen Jahren durch regelmäßige arabisch-deutsche Dialogveranstaltungen den Austausch zwischen Medienfachleuten aus Europa und der arabischen Welt. Martina Sabra war in Rabat dabei.


Interview mit Johan Galtung
Übersehene Blickwinkel
Medien neigen zu negativer Berichterstattung, Gewalttäter werden dagegen oft mit Aufmerksamkeit belohnt. Friedensstiftende Initiativen machen kaum Schlagzeilen. Eine oberflächliche Berichterstattung in westlichen Zeitungen und Sendern führt außerdem dazu, dass die Öffentlichkeit den Kontext vieler Konflikte nicht versteht. Claudia Rittel sprach darüber mit dem Friedensjournalisten und Friedensforscher Johan Galtung.

Interview Lawrence Pintak:

„Wir müssen zum Dialog fähig sein“

Welche Rolle spielen die Medien für die Beziehung zwischen Europa und dem Nahen Osten und wie weit kann der virtuelle Dialog diese Beziehung beeinflussen? Darüber sprach Bernhard Hillenkamp mit Lawrence Pintak, dem Direktor des Adham Center for Television Journalism an der Amerikanischen Universität Kairo am Rande einer Konferenz zum Thema „Media and European-Middle Eastern Relations. A Virtual Dialogue?“ in Beirut.

Arabische Satellitenmedien

„In der arabischen Welt werden die Medien als Teil der Schlacht gesehen“

Welches mediale Selbstverständnis haben Journalisten in der arabischen Welt und wie wirken Bilder von Konflikten auf die Fernsehzuschauer in der Region? Darüber sprach Qantara.de mit den drei arabischen Medienschaffenden Khaled Hroub, Nakhle El Hage und Aktham Suliman.
Arabische Medien und die Wahrnehmung des Westens
Differenzierte Sicht statt selektive Momentaufnahme
Vermehrt wird arabischen Satellitensendern vorgeworfen, ihrer Öffentlichkeit ein einseitiges und antiwestliches Bild zu vermitteln. Bashar Humeid ist der Frage nachgegangen, inwiefern dieser Vorwurf nur zum Teil der Realität in der arabischen TV-Landschaft entspricht.

Kulturdialog: Interview mit Yasser Hareb


Kulturdialog: Interview mit Yasser Hareb

„Kultur kann politische Wunden heilen“

 

yasser hareb

 

Nach Ansicht von Yasser Hareb, dem stellvertretenden Vorsitzenden der Al-Maktoum- Stiftung, spielt der Kulturaustausch eine Schlüsselrolle bei der Förderung der Völkerverständigung – und bei der Institutionalisierung eines fruchtbaren Kulturdialogs zwischen dem Westen und der arabischen Welt. Loay Mudhoon hat sich mit ihm unterhalten. Mehr…

Spezialdossier:

Deutsch-arabischer Literaturaustausch

 Die Zeitschrift „Kunst & Gedanke“ des Goethe-Instituts bietet Essays zum Kulturdialog zwischen Deutschland, Europa und der islamisch geprägten Welt. Mehr …

                                                                           

Migration in Deutschland


Deutschlands neue Eliten

Der Streit um Navid Kermani und den Hessischen Kulturpreis zeigt: Die intellektuelle Zukunft des Landes gehört den Migranten. Mehr

Am Anfang war das Wort

Wie das interreligiöse Gespräch nicht funktioniert, zeigt das Debakel um den Hessischen Kulturpreis. Können Religionen überhaupt einen Dialog führen? Mehr

„Der nahe und der ferne Feind: Die Netzwerke des islamistischen Terrorismus“ von Guido Steinberg


Gegen den Strom der Globalisierungstheorien entwickelt Guido Steinberg eine neue Perspektive auf den islamistischen Terrorismus – er sieht in ihm einen Fall von globaler Netzwerkbildung, der im Lokalen wurzelt. Von Loay Mudhoon

EM 03-06 · 31.03.2006

Schon lange warnt Guido Steinberg, Islamwissenschaftler und ehemaliger Terrorismusreferent im Bundeskanzleramt eindringlich davor, den militanten Islamismus und dessen terroristische Netzwerke ausschließlich als transnationales, globales Phänomen zu betrachten. Nach seiner Ansicht übersehen Vertreter dieser These – meist Politikwissenschaftler und Modernisierungstheoretiker ohne Regionalexpertise, jedoch mit ausgeprägtem Generalisierungsdrang –  wichtige Gesichtspunkte. So zum Beispiel, dass der militante Islamismus als national begrenzte Reaktion auf die repressiven Regime der arabischen Welt entstanden ist und dass seine heutigen Gräueltäter, insbesondere der im Post-Saddam-Irak zur neuen Inkarnation des Bösen aufgestiegene Abu Mus’ab az-Zarqawi, immer noch den Sturz der als zu westlich-dekadent angeklagten Regime in ihren Heimatländern betreiben. Der Internationalismus dieser Terrorgruppen entstamme einer „weitgehend diffusen Ideologie oder Protoideologie (Salafismus bzw. Wahhabismus)“, die lediglich als bindendes Element zwischen diesen Gruppen fungiere und in unterschiedlichen Ländern unterschiedliche Formen annehme: „[A]l-Qaida ist eher die Summe vieler nationaler Gruppierungen, die sich in einer gemeinsamen Organisation die verbesserten terroristischen Arbeitsbedingungen der globalisierten Welt zunutze machen, um sowohl global als auch lokal zu agieren.“

„Glokalisierter“ Jihad

In seinem Buch entwickelt Steinberg diese neue Perspektive auf den islamistischen Terrorismus konsequent weiter und formuliert gegen den Strom der Globalisierungstheorien des Jihadismus eine zentrale These, die sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch zieht: „Der islamistische Terrorismus bewegt sich in einem komplizierten Spannungsfeld zwischen regionaler Verankerung und globaler Orientierung. Es gibt – wenn überhaupt – nur wenige Terroristen, denen es allein um den Kampf gegen den Westen und eine islamistische Weltherrschaft geht und die jegliche Beziehung zu ihrem Heimatland verloren haben.“

Es handelt sich demnach um einen typischen Fall von globalisiertem Aktivismus, dessen Wurzeln in lokalen Konflikten zu finden sind. Und obwohl die politischen Rahmenbedingungen islamistischer Aktivitäten und deren geografischer Zielrahmen stark variieren, bleibt bei diesen „nur der Wille zur Machtübernahme und Etablierung eines islamischen Staates nachweisbar und konkret“. Das gilt sowohl für Osama bin Laden, der die wahabitische Monarchie in Saudi-Arabien stürzen will, als auch für seinen „Stellvertreter“ im Zweistromland az-Zarqawi und dessen brutale „Gotteskrieger“, die das haschemitische Königshaus lieber heute als morgen beseitigen möchten. Die Anschläge von Amman am 9. November 2005 dürften dies als logische Fortsetzung dieser Stoßrichtung endgültig bestätigt haben.

„Der nahe und der ferne Feind“

Steinberg, der heute als Nahostexperte bei der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) arbeitet, greift eine grundsätzliche Debatte auf, die militante Islamisten über die Ziele ihrer Aktivitäten seit Jahren führen. Dabei bewegt sich dieser innerislamistische Konflikt zwischen zwei Polen: Führende ägyptische Al-Qaida-Mitglieder fordern den Kampf gegen den „nahen Feind“, das heißt gegen die Regime der einzelnen Nationalstaaten der arabischen und islamischen Welt. Die Anhänger des Konzepts eines defensiven Jihad von Abdallah Azzam, einem einflussreichen palästinensischen Vordenker des Jihadismus in Afghanistan,beschränken sich aufdie von „Ungläubigen“ besetzten islamischen Länder. Dazu zählen beispielsweise Palästina und der Irak. Außerdem zielen sie auf den Westen, die USA oder Israel ab und nennen diese den „fernen Feind“.

Dieser Dissens offenbart sich umso deutlicher an der Gewichtung der Palästinafrage in der Al-Qaida-Strategie: Während bin Laden den israelisch-palästinensischen Konflikt lediglich propagandistisch ausbeutete und erst spät damit begann, israelische bzw. jüdische Ziele anzugreifen, standen diese stets ganz oben auf der Agenda Zarqawis. Aus Angst vor Sympathieverlust in der arabischen Welt kritisierte die Al-Qaida-Führung schließlich doch noch die Angriffe Zarqawis gegen die im Irak lebenden Schiiten: In einem angeblichen Schreiben Zawahiris an Zarqawi hieß es zuletzt, dass sich das Befremden der moslemischen Anhänger weiter verstärke, wenn schiitische Moscheen ins Visier der Extremisten gerieten. Die Attacken seien für die meisten Moslems inakzeptabel – unabhängig davon, wie sehr Zarqawi diese zu rechtfertigen versuche.

„Epizentren“ des islamistischen Terrorismus

Auch die historische Genese des islamistischen Terrorismus zeichnet Steinberg akribisch und kenntnisreich nach, indem er dessen „Epizentren“ in Ägypten, Jordanien, Saudi-Arabien, Jemen, Algerien und im Irak rekapituliert. Dabei nimmt er insbesondere Ägypten unter die Lupe, das Mutterland der Muslimbruderschaft (gegründet 1928), die „eine Vorreiterrolle für den Islamismus in der arabischen Welt und darüber hinaus spielte“. Damit weist er auf einen politischen Fehler hin, der sich später als folgenreich erweisen sollte: Der ehemalige ägyptische Staatspräsident Anwar as-Sadat und andere nahöstliche Führer „unterschätzten das Mobilisierungspotential der Islamisten, förderten sie, um andere Oppositionsgruppen umso wirksamer bekämpfen zu können, und trugen auf diese Weise maßgeblich zu deren Aufstieg bei“. Allerdings macht Steinberg auf die Tatsache aufmerksam, dass der militante Islamismus ein weites Feld und der Terrorismus nur eine Teilmenge von diesem seien. Zudem beschreibe der militante Islamismus lediglich eine Gewaltmethode, die gewählt werden könne, aber nicht immer gewählt werde.

„Generation Zarqawi“ im Irak

Den Beteuerungen der britischen und amerikanischen Regierungen, dass durch die von ihnen verantwortete Beseitigung des Saddam-Regimes als Folge des Irakkrieges von 2003 die Welt sicherer geworden sei, findet bei Steinberg keine Zustimmung. Im Gegenteil: Der Irakkrieg sei für die Bekämpfung des islamistischen Terrorismus ein schwerer Rückschlag gewesen, stellt Steinberg unmissverständlich fest. Im Unterschied zu Kampagnen gegen den „nahen Feind“ sei es viel leichter geworden, für einen Jihad gegen die USA im Irak Rekruten zu mobilisieren – ganz im Sinne des defensiven Jihad Abdallah Azzams: „Das wichtigste Schlachtfeld der islamistischen Militanten ist seit 2003 der Irak geworden. Mit dem Irak-Krieg ist der islamistische Terrorismus zunächst einmal wieder in diejenige Region zurückgekehrt, aus der er stammt, und die Länder des arabischen Ostens sind erneut die wichtigsten Aktionsgebiete geworden.“ Und tatsächlich ist die „terroristische Karriere“ az-Zarqawis ohne den Irakkrieg von 2003 und die mit ihm verbundenen strategischen Fehler der US-Administration bei der Stabilisierung des Post-Saddam-Irak kaum vorstellbar. Auch wenn vielleicht nicht alle Untaten, die ihm und seiner Organisation „al Tauhid wa al Jihad“ („Einheit und der heilige Krieg“) zugeschrieben werden, von ihm selbst veranlasst worden sind.

Nach der nicht leichten Lektüre dieses fundierten, kenntnisreichen Nachschlagewerkes über den islamistischen Terrorismus ist vor allem die souveräne Distanz Steinbergs zu diesem hochgradig emotionalen Thema und seine ausschließliche Orientierung an den Fakten – frei von jeglicher moralischer Skandalisierung – hervorzuheben.

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Rezension zu: „Der nahe und der ferne Feind: Die Netzwerke des islamistischen Terrorismus“ von Guido Steinberg, Verlag C. H. Beck, München 2005, 281 S., 19.90 Euro, ISBN 3-406-53515-1.