Schlagwort: Arabische Medien

Medien International: Vereinfachung hilft im Jemen-Konflikt nicht weiter


Medien International: Vereinfachung hilft im Jemen-Konflikt nicht weiter

Binnen kurzer Zeit hat sich im Jemen ein regionaler Konflikt entwickelt. Wird die Lage in arabischen wie westlichen Medien ähnlich beurteilt? Die DW Akademie diskutierte darüber mit Medienexperten (Adnan Tabatabei, Loay Mudhoon, Aktham Suliman und Marie-Christine Heinze ) im ARD-Hauptstadtstudio.

Vereinfachen, ohne den Konflikt einseitig darzustellen. Dieser Herausforderung sehen sich Journalisten jeden Tag gegenüber, wenn sie vom Konflikt im Jemen berichten. Doch wie mit dieser Herausforderung umgehen? Darüber diskutierte Moderator Arnd Henze, WDR-Fernsehkorrespondent im ARD-Hauptstadtstudio, am vergangenen Freitag (8. Mai 2015) mit einem hochkarätig besetzten Panel. Dabei schlug er vor, die Veranstaltung „Medien International: Arabische Halbinsel“ zu nutzen, um jenseits von Klischees und interessengesteuerter Vereinfachungen unvoreingenommen auf den Jemen-Konflikt zu schauen.
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Nahost-Experte Loay Mudhoon über Folgen der Arabellion: „Am liebsten Friedhofsruhe in der arabischen Welt“


Nahost-Experte Loay Mudhoon über Folgen der Arabellion: „Am liebsten Friedhofsruhe in der arabischen Welt“

Demokratie nach der Arabellion: Ölreiche Länder werden häufig autoritär regiert. Für die Förderung werden nicht viele Menschen gebraucht. Deshalb kann, wer die Macht hat, diesen Bodenschatz ausbeuten, ohne sich sonderlich um die Bedürfnisse der Bevölkerung zu kümmern. Dass es in der arabischen Welt besonders viel Öl, aber auch besonders repressive Regime gibt, ist kein Zufall, sagt der auf die Region spezialisierte Journalist Loay Mudhoon, und das wirkt sich auch auf aktuelle Konflikte in Syrien und Irak aus.

Leidet die gesamte arabische Welt am Ölfluch?
Loay Mudhoon: Ja, es fällt auf, dass alle ölreichen Länder der arabischen Welt lange entweder von säkularen Diktatoren oder absoluten Monarchen regiert wurden. Der Ölreichtum blockiert eine humane und demokratische Einwicklung. Dort, wo es kein Öl gibt, sieht es leider kaum besser aus. Dort gibt es aber auch weniger Entwicklungschancen. Ökonomisch hängen die Länder ohne Öl von den Petrodollars der Nachbarn ab. Das läuft unter anderem über direkte staatliche Unterstützung, Geldtransfers an Verwandte und Migration.

US-Präsident George W. Bush versprach 2003, die Region werde demokratisch erblühen, wenn Iraks Diktator Saddam Hussein falle.
Das war ein gewaltiger Irrtum. Heute sieht jeder, wohin die völkerrechtswidrige Invasion geführt hat. Demokratie lässt sich nicht von außen mit Waffen erzwingen.

Aber auch der arabische Frühling scheint gescheitert – mit der Ausnahme Tunesiens vielleicht, wo die Demokratie noch möglich ist. Warum haben die Aufstände den Monarchen weniger angehabt als den Diktatoren?
Die erste Welle der Arabellion ist gescheitert. Das hat mehrere Dimensionen:

  • Königsfamilien haben etwas mehr Legitimität als Diktatoren von Republiken. Sie sind institutionell besser verankert. Sie stützen ihre Macht nicht nur auf das Militär, sondern auch auf tribale Zugehörigkeit. Sie haben, anders als die Diktatoren, auch keine umfassende Modernisierung versprochen.
  • Die Monarchien, die Öl ausführen, haben einen Teil ihres Reichtums umverteilt. In manchen Golfstaaten ist die heimische Bevölkerung recht wohlhabend.

Die eigentliche Ursache der Arabellion war der Jugend-Tsunami: die große Zahl junger Leute, die im Vergleich zu früheren Generationen gut ausgebildet sind, die dank Internet und Satellitenfernsehen wissen, wie es anderswo zugeht, und die für sich selbst keine Zukunft sehen. Die wirtschaftliche Lage ist in Tunesien und Ägypten verzweifelter als in Saudi-Arabien oder Katar.
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Kommentar: Kritischer Journalismus im neuen Sisi-Ägypten unerwünscht


Kommentar: Kritischer Journalismus im neuen Sisi-Ägypten unerwünscht

In einem skandalösen Gerichtsverfahren wurden drei Reporter des Nachrichtensenders Al-Dschasira zu langer Haftstrafe verurteilt. Dadurch sollen alle kritischen Medienmacher eingeschüchtert werden, meint Loay Mudhoon.

Um es vorweg zu sagen: Beim Gerichtsverfahren gegen Journalisten des internationalen Nachrichtensenders Al-Dschasira handelt es sich zweifelsohne um einen politischen Schauprozess, der jeglicher Rechtsstaatlichkeit spottet. Oder wie sonst ist zu erklären, dass sich Richter in Kairo über die offensichtlich manipulierte Anklageschrift und haarsträubenden Verfahrensmängel ohne Bedenken hinweggesetzt haben? So wurden im Gerichtsverfahren beispielweise ganz gewöhnliche, journalistisch produzierte Videobeiträge als angebliches Beweismaterial für die „Unterstützung einer terroristischen Bewegung“ aufgeführt.

Ohnehin: Wer den Verlauf des gesamten Prozesses gegen den australischen Al-Dschasira-Korrespondenten Peter Greste, den kanadisch-ägyptischen Büroleiter Mohamed Fahmi und den ägyptischen Redakteur des Senders Baher Mohammed verfolgte, konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es den Richtern nicht darum ging, ob die „Beweise“ der Staatsanwaltschaft juristisch verwertbar waren oder nicht. Alles sprach dafür, dass die harten Urteile vor Prozessbeginn feststanden.
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In eigner Sache: zu Gast beim ARD-Presseclub zum Thema: Aufruhr in Ägypten


In eigner Sache: zu Gast beim ARD-Presseclub zum Thema: Aufruhr in Ägypten

Nahost-Experte Loay Mudhoon zu Gast beim ARD-Presseclub zum Thema: Aufruhr in Ägypten – wird aus dem arabischen Frühling ein blutiger Herbst?

Nahostexperte Loay Mudhoon von der war am Sonntag, 18. August, zu Gast beim ARD-Presseclub. In der von WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn moderierten Sendung ging es um das Thema „Aufruhr in Ägypten: Wird aus dem arabischen Frühling ein blutiger Herbst?“
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Publikation zum Arabischen Frühling: Die Rolle der Medien in Zeiten der Arabellion


Publikation zum Arabischen Frühling: Die Rolle der Medien in Zeiten der Arabellion

Die Fachbeiträge des Media Dialogue 2012 sind jetzt in einer Schriftenreihe veröffentlicht worden. Darunter ein Essay über Soziale Medien und die Arabellion von Eira Martens, ehemalige IMS-Studentin.

„Facebook-Revolution” in der arabischen Welt: Soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter spielen eine immer größere Rolle bei politischen Protesten. Hier werden Videos von Misshandlungen gepostet, hier verabreden sich die Demonstranten. Auch in Ägypten pushte das Internet den Protest. Foto: Wikimedia/ Essam Sharaf

„Facebook-Revolution” in der arabischen Welt: Soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter spielen eine immer größere Rolle bei politischen Protesten. Hier werden Videos von Misshandlungen gepostet, hier verabreden sich die Demonstranten. Auch in Ägypten pushte das Internet den Protest. Foto: Wikimedia/ Essam Sharaf

Jährlich lädt die DW Akademie führende internationale Wissenschaftlicher und Medienexperten zum interdisziplinären Austausch „Media Dialogue“ nach Bonn ein. Im Mittelpunkt stand 2012 das Thema „Arabische Welt – Die Rolle der Medien in Zeiten des Umbruchs“. In der Konferenzdokumentation, die jetzt erschienen ist, findet sich auch ein Essay von Eira Martens, die über die Rolle der Sozialen Medien während der politischen Umbrüche geforscht hat und genau wissen wollte: Handelte es sich wirklich um eine „Facebook-Revolution“? Sie meint: „Soziale Medien werden in ihrer Funktion schnell überschätzt.“
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Kutub:na – Neue deutschsprachige Bücher für die arabische Welt


Kutub:na – Neue deutschsprachige Bücher für die arabische Welt

Trommeln in der Nacht

… ist der Titel eines bereits 1922 erschienenen Stücks von Bertolt Brecht. Gleich mehrere große Zeitthemen verarbeitete der 21jährige in dieser herben Komödie – chaotische Zustände nach dem Ersten Weltkrieg, den Spartakus-Aufstand, Liebe in Zeiten der Revolution. Der Kriegsheimkehrer Andreas Kragler, Proletarier und Revolutionär aus betrogener Liebe, wendet, als die Geliebte zu ihm zurückkehrt, der Revolution den Rücken und wird wieder zum privatisierenden Bourgeois. Ein Thema, das auch in unserer Zeit und in der arabischen Welt aktuell ist. Trommeln in der Nacht ist der „Klassiker“, den wir zur Übersetzung ins Arabische vorschlagen möchten. kutub:na 4 stellt aber vor allem aktuelle Romane, Sachbücher und Kinder- und Jugendliteratur vor, die erst kürzlich auf dem deutschen Buchmarkt erschienen sind

Bei den Sachbüchern lassen sich drei thematische Schwerpunkte feststellen: Bücher, die sich mit Demokratie und Aufklärung in Europa und in der arabischen Welt beschäftigen – es werden auch neue Denkansätze vorgestellt wie in Plaum, Die Wiki-Revolution – Absturz und Neustart der westlichen Demokratie; Orientierungshilfen und Anleitungen für die globale Welt wie Schnädelbach, Was Philosophen wissen – Und was man von ihnen lernen kann oder die Macchiavelli-Biographie; der dritte Schwerpunkt sind Bücher, die sich auf unterschiedlichen Ebenen mit gesellschaftlichen Phänomenen wie Hyperaktivität oder dem übermäßigen Konsum von Kommunikationstechnologien (Internet, Smartphone etc.) beschäftigen.

Ein besonderer Fokus liegt in dieser Ausgabe aber auf neuen Kinder- und Jugendbüchern: Unterhaltsame Titel voller Situationskomik und Sprachwitz sind genauso dabei wie ein Fantasy-Roman (Poznanski, Erebos), ein Buch über ein Pflegekind aus Ruanda (Jansen, Herzsteine) und eine berührende und nachdenkliche Geschichte über Einsamkeit und Verzweiflung (Bach, Was vom Sommer übrig ist).

kutub:na 4 stellt insgesamt wieder

25 Bücher vor – ausgewählt aus mehr als 60 Vorschlägen von einer deutsch-arabischen Jury von Journalisten, Literaturkritikern und Kinderbuchexperten aus Deutschland.Sie haben die Möglichkeit, sich per RSS-Feed über Neuerscheinungen auf dem Laufenden zu halten.Wir wünschen Ihnen eine spannende Lektüre und hoffen, dass viele „unserer Bücher“ auf Ihr Interesse stoßen und Eingang in Ihr Verlagsprogramm finden werden.

Zum Schluss möchten wir noch auf das Übersetzungsförderungsprogramm des Goethe-Instituts hinweisen:
www.goethe.de/uebersetzungsfoerderungWenn Sie einen Antrag auf Übersetzungsförderung stellen möchten, beraten wir Sie gerne!Download Symbolkutub:na 4 (PDF, 470 KB)

Volksaufstand ohne Weltpresse: Verbotene Bilder aus Bahrain


Arte-Doku: Was in Bahrain geschieht, erfährt man lediglich aus Amateurvideos auf YouTube und Aktivistenberichten via Twitter. Die Filmemacherin Stéphanie Lamorré teilte allerdings während eines einmonatigen illegalen Aufenthaltes im Land das Leben der Aufständischen. Um unabhängig zu berichten, schmuggelte sie eine Filmkamera nach Bahrain, mit der sie dann verdeckt drehte.

Mehr zum Aufstand in Bahrain

Vorsitzende des „Bahrain Center for Human Rights“ Maryam al-Khawaja

“In Bahrain unterdrückt das Regime alle Menschen“

Im Gespräch mit Azzurra Meringolo berichtet die Vorsitzende des „Bahrain Center for Human Rights“ Maryam al-Khawaja über die Repressionen gegen Aktivisten der Demokratiebewegung in Bahrain und wie das Regime versucht, die Proteste als einen ausschließlichen Konflikt der Ethnien oder Konfessionen darzustellen. Mehr…

Medien und der arabische Frühling: Ist die Facebook- Revolution ein Mythos?


Medien und der arabische Frühling: Ist die Facebook- Revolution ein Mythos?

„Facebook-Revolution“ in der arabischen Welt: Soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter spielen eine immer größere Rolle bei politischen Protesten. Foto: Essam Sharaf

Ist die Facebook-Revolution ein Mythos? Welche Rolle spielten Online-Kampagnen, wie die um Khaled Said, während des Arabischen Frühlings? Und: Waren die Sozialen Medien während der Revolution identitätsstiftend?

Gemeinsam mit der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg und der Fachhochschule Köln hatte die DW Akademie 14 Wissenschaftler aus acht Ländern zum 3. Mediendialog nach Bonn eingeladen. Im Mittelpunkt stand diesmal das Thema „Arabische Welt – Die Rolle der Medien in Zeiten des Umbruchs“.

Zur Transformation der Medienlandschaften sprach unter anderem Dr. Asiem El Difraoui, Deutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit, Berlin. Er hat sich wissenschaftlich mit dem Verhältnis von alten und neuen Medien in der so genannten Arabischen Revolution beschäftigt. Nicht die Sozialen Medien hätten die Revolution gemacht, sondern die Gesellschaft, sagte er. „Die neuen Netzwerke haben aber durch den Austausch von Informationen und die Möglichkeit der schnellen, massenhaften Mobilisierung einen entscheidenden Beitrag geleistet.“

„Ist Facebook eine Alternative zum Offline-Aktivismus?“

Zu diesem Schluss kam auch Omair Anas, Universität Neu-Delhi, Indien. In seinem Vortrag über die Rolle der Kalluna Khaled Said Facebook-Kampagne stellte er die Frage: „Ist Facebook eine Alternative zum Offline-Aktivismus?“ Seine Antwort: Es ist eine Ausweitung dessen. Er belegte diese These anhand der Kampagne um die Revolutionsikone Khaled Said. Die Kampagne, so Anas, hätte im Januar 2011, zu Beginn der Revolution, mehr Facebook-Freunde gehabt, als der Sender Al Jazeera.

Einen besonderen Aspekt der Sozialen Medien im Arabischen Frühling beleuchtete der Mexikaner Moisés Garduño García, PhD Kandidat von der University of Mexico. Seine These: „Der Arabische Frühling hat seine eigenen Botschaften, Symbole und Slogans, um das Entstehen einer neuen arabischen Ära auszudrücken.“ Dementsprechend hätte die Revolution nicht nur die politischen Rahmenbedingungen verändert, sondern auch die Sprache.

Als letzter Redner des Tages zog Prof. Dr. Michael Krzeminski, Dekan der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, ein positives Fazit des Mediendialoges und fasste zusammen: „Es war keine Facebook-Revolution.“ Die Sozialen Netzwerke könnten im Kontext der Revolution nicht alleine betrachtet werden, „sondern nur im Zusammenhang mit anderen Medien und vor allem mit anderen kulturellen und politischen Aspekten“.

Die Vorträge werden voraussichtlich im September in Buchform erscheinen.

Mehr zur Medienentwicklung weltweit erfahren Sie hier.

© Deutsche Welle 2012

„Tahrir“ – Magazin zur 5. Deutsch-Arabischen Journalistenakademie


„Tahrir“ – Magazin zur 5. Deutsch-Arabischen Journalistenakademie

Die 5. Deutsch-Arabische Journalistenakademie trug die Überschrift „Egypt on the move“ – und 16 Teilnehmer aus Deutschland und Ägypten recherchierten 10 Tage lang in binationalen Teams, wie tiefgreifend der Wandel am Nil wirklich ist.

Ihr Printmagazin „Tahrir“ thematisiert viele Herausforderungen, vor denen Ägypten derzeit steht: Welche Parteien können sich etablieren? Kann die Sicherheit der Christen garantiert werden? Und kehren bald die Touristen zurück? Die Antworten der Redaktion sind nun im Magazin „Tahrir“, das kostenlos im Büro der KAS Kairo erhältlich ist, nachzulesen.

5. Deutsch-Arabische Journalistenakademie

Ägpyten ist in Bewegung – und die Konrad-Adenauer-Stiftung fühlt den Puls: Unter dem Titel „Egypt on the move“ führt die KAS bereits zum fünften Mal junge Journalisten aus Deutschland und der arabischen Welt in einer Journalistenakademie zusammen. Am Freitag, 17. Juni, sind neun Stipendiaten der Journalistischen Nachwuchsförderung gemeinsam mit den Trainern Jochen Markett und Jan Kuhlmann nach Kairo geflogen. Dort arbeiten sie nun mit sieben jungen Ägyptern zusammen und erstellen gemeinsam ein Printmagazin zum Umbruch des Landes. Die deutsch-arabische Publikation wird im Juli erscheinen.

Mehr Informationen finden Sie hier.

Mehr Beiträge zur Lage in Ägypten:

Trialog der Kulturen-Jahreskonferenz 2011: Neue Autoritäten in der arabischen Welt? mit Loay Mudhoon


15. „Trialog der Kulturen“ – Jahreskonferenz
18.11.2011 – Bad Homburg, Haus der Stiftungen

Neue Autoritäten in der arabischen Welt?
Politik und Medien nach den revolutionären Aufbrüchen

Ein Frühling der Hoffnung – ein Herbst der Ernüchterungen? Engagierte Blogger, mutige
Demonstranten, entschlossene Bürger haben in diesem Jahr nie für möglich gehaltene
Umbrüche in arabischen Ländern vorangetrieben. Autokratische Potentaten wie Ben Ali in
Tunesien, Mubarak in Ägypten und Gaddafi in Libyen sind gestürzt – doch wer folgt ihnen
politisch? Kurz vor den wegweisenden Wahlen in Ägypten greift die Herbert Quandt-Stiftung das Thema auf und macht es zum Gegenstand ihrer 15. Jahreskonferenz im „Trialog der Kulturen“.

Vier Panels beleuchten die jüngsten Entwicklungen des „arabischen Frühlings“:
Das erste Forum blickt auf die heutigen politischen Akteure und fragt, ob es sich tatsächlich um neue Autoritäten handelt oder um alte Eliten im neuen Gewand. Des Weiteren thematisiert die Konferenz das Verhältnis von Kopten und Muslimen in Ägypten und geht der Relation von Staat und Religion nach. Rolle und Tragweite der neuen Medien im Kontext der sogenannten „Facebook-Revolution“ stehen im Zentrum der dritten Gesprächsrunde.

Abschließend fragt die Tagung nach der Bedeutung der Umbrüche für Europa: Müssen sich die Länder nördlich des Mittelmeers auf größere Flüchtlingsströme einstellen oder liegt in den Umwälzungen eine Chance für die europäische Außenpolitik?

Die „Trialog der Kulturen“-Konferenz vereint jährlich Experten aus Politik, Wissenschaft und Medien zu einem intensiven Gedankenaustausch über interkulturelle und interreligiöse Themen. Die Ergebnisse werden im Anschluss in einem Buch publiziert.

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Reaktionen arabischer Leser und User auf Gaddafis Tod


Libyen zwischen lauter Freude und leisem Frust

Gaddafi ist tot: Eine Nachricht, die die arabische Netzwelt aufgeschreckt hat. „Ein jämmerliches, aber verdientes Ende“, so die Mehrheit der User. Was danach kommt, ist noch kein Thema, hat der Experte für arabische Medien Loay Mudhoon festgestellt. (Link auf das Interview vom 21.10.2011 auf WDR.de).

Erleichterung und Jubel – aber auch Enttäuschung, Besorgnis und Ratlosigkeit: Wer in den vergangenen Stunden auf arabischsprachigen Internetseiten unterwegs war, findet die Libyer zerrissen zwischen lauter Freude und leisem Frust. Loay Mudhoon, Experte der Deutschen Welle für die arabische Welt und Redaktionsleiter des von der Deutschen Welle betriebenen Internetportals „Qantara.de“ erklärt, wie die Stimmung im Netz ist.

WDR.de: Herr Mudhoon, was bewegt die User am meisten?

Loay Mudhoon: Das jämmerliche Ende eines Tyrannen, vergleichbar mit dem Ende Saddam Husseins. Vorher haben die Menschen kaum daran geglaubt, dass solche gewalttätigen Diktatoren und Symbole der Schreckensherrschaft auf diese Weise vom eigenen Volk gestürzt werden.

WDR.de: „Das jämmerliche Ende“ – so wird das genannt?

Mudhoon: Ja, die große Mehrheit der internetaffinen Leser drückt das so aus. Es gibt bei vielen Reaktionen, gerade wenn man in Blogs und in die Kommentare schaut, eine gewisse Genugtuung: Das ist das verdiente Ende eines Diktators, ein anderes, besseres Ende hätte er nicht verdient. Das ist die herrschende Meinung.

WDR.de: Aber es gibt auch andere Stimmen?

Mudhoon: Ja, es gibt eine kleine, aber sehr kluge Minderheit, die Fragen hat zu den genauen Umständen seines Todes. Was ist da genau passiert, ist er von seinen eigenen Leuten erschossen oder absichtlich liquidiert worden? Er war ja eindeutig noch am Leben, als er gefangen genommen wurde. Da gibt es eine gewisse Besorgnis.

WDR.de: Warum Besorgnis?

Mudhoon: Weil sie befürchten, dass da Rache im Spiel war. Sie sagen: „Wir hätten Gaddafi lieber in Gefangenschaft gehabt. Ein rechtsstaatliches Verfahren vor einem libyschen Gericht oder vor dem internationalen Gerichtshof hätte uns bei der Aufarbeitung dieser schlimmen Zeit helfen können. Wir hätten zeigen können, dass wir keine Rache nehmen, sondern Gerechtigkeit für die Opfer anstreben, und damit ein Signal in den arabischen Raum aussenden können.“ Aber diese Möglichkeit gibt es jetzt nicht mehr.

WDR.de: Was sind das für User?

Mudhoon: Viele von ihnen sind Libyer, die im Ausland und in Europa gelebt haben, weil sie auf der Flucht vor dem Regime waren. Dort haben sie demokratische Systeme kennen gelernt. Jetzt machen sie sich Gedanken um den Aufbau eines neuen Staates, der auf den Prinzipien von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit basiert. Viele, gerade jüngere Libyer, wollen mit Sicherheit vieles, aber bestimmt keine neue Diktatur.

WDR.de: Es gibt also einen Unterschied zwischen dem, was Exil-Libyer schreiben, und den Libyern im Lande?

Mudhoon: Mit Sicherheit. Aber im Land herrscht auch keine Einigkeit über das neue politische System nach Gaddafi. Der Nationale Übergangsrat ist zwar eine Institution, die es geschafft hat, alle Libyer unter einem Dach zu vereinen – überzeugte Demokraten, konservative Kräfte, radikale Islamisten. Die Islamisten zum Beispiel sagen jetzt, wir als Islamisten haben am meisten unter dem Terror Gaddafis gelitten, wir mussten in die Wüste gehen und haben eine zentrale Rolle bei seiner Bekämpfung gespielt. Das Feindbild Gaddafi hat diese heterogene Opposition geeint, jetzt muss sie ohne Feindbild einen Mindestkonsens formulieren.

WDR.de: Machen die User konkrete Vorschläge, wie das neue Libyen aussehen soll?

Mudhoon: Nein, das ist noch eher diffus. Es gibt ein großes Gefühl der Erleichterung, dass das Ende der Diktatur und des Gaddafi-Clans gekommen ist. Die Mehrheit hatte Angst, dass Gaddafi am Leben bleibt, weil sie dachte, solange ist er auch gefährlich. Jetzt sagt die Mehrheit der User: Libyen ist befreit. Aber es gibt allerdings keine Einigkeit darüber, wie es weitergeht. Alle wissen nur, dass es viele Probleme gibt und dass Libyen bei Null anfangen muss.

Das Interview führte Marion Kretz-Mangold.

(Link auf das Interview vom 21.10.2011 auf WDR.de).


Stand: 21.10.2011, 14.07 Uhr

Arabische und westliche Medien nach 11. September 2001: Wann ist ein Märtyrer ein Märtyrer?


Arabische und westliche Medien nach 11. September 2001: Wann ist ein Märtyrer ein Märtyrer?
Zehn Jahre nach den Anschlägen vom 11. September 2001 brauchen international präsente Medien einen Ost-West-Konsens. Nicht nur hinsichtlich der Verwendung zentraler Begriffe. Gemeinsame Standards und ethische Normen für Krisensituationen sind unabdingbar. Ein Standpunkt von Loay Mudhoon

Wie kann es international präsenten Medien wie BBC World, Al Dschasira, Deutsche Welle oder France 24 gelingen, in Krisenzeiten und Konfliktsituationen objektiv und ausgewogen zu berichten? Wie können sie jenseits von National- und Kulturgrenzen konfliktentschärfend wirken? Können sich westliche und muslimische Medienschaffende zehn Jahre nach dem epochalen Bewusstseinsschock vom 11. September 2001 auf gemeinsame professionelle Standards und klare ethische Maßstäbe für die Berichterstattung einigen?

Und können sie einen Konsens erzielen über den Umgang mit umstrittenen Begriffen wie „Märtyrer“, „islamistischer Terrorismus“ oder „gezielte Tötung“? Denn einerseits erleben wir zwar eine Internationalisierung der Kommunikation, andererseits erfolgt die Berichterstattung jedoch zunehmend vor dem kulturellen Hintergrund des jeweiligen Senders.

Spätestens seit dem großen Karikaturenstreit von 2005/2006, der als Wendepunkt im Verhältnis zwischen Europa und der islamisch geprägten Welt in die Geschichte einging, bilden diese Fragen den Kern der Debatte über die Rolle dieser Medien im internationalen Kontext. Denn dieser Konflikt hat uns vor Augen geführt, wie groß das Potenzial für grenzüberschreitende Eskalation sein kann, wenn sensible Themen ohne kulturelle Kompetenz und ohne das nötige Hintergrundwissen behandelt werden.

Ein vermeidbarer Konflikt

Damals waren nicht wenige Medienmacher und -wissenschaftler von der Wucht einer Kettenreaktion von Missverständnissen überrascht. Sie fragten sich: Wie konnte es nach der Veröffentlichung der sogenannten Mohammed-Karikaturen zu diesen ost-westlichen Irritationen kommen und vor allem zur gewaltsamen Eskalation? Die Erklärung liegt heute auf der Hand: Die meisten nationalen und internationalen Medien tappten in eine gefährliche Perzeptionsfalle, denn aus westeuropäischer Sicht ging es vor allem darum, die Meinungsfreiheit prinzipiell zu verteidigen. Man dürfe sich auch über die Religion der Muslime lustig machen, so rechtfertigten viele westliche Medien die Publikation der umstrittenen Karikaturen.

Aus muslimischer Sicht wurde schnell deutlich, dass viele die Bilder als sehr beleidigend und kränkend empfanden, da die Person des Propheten Mohammed in ihrer Religion einen herausragenden Stellenwert genießt.

Durch ihre fast ausschließliche Orientierung am jeweils eigenen kulturellen Kontext haben Medien in Ost und West allzu schnell eine einseitige Bewertung vorgenommen – und somit zur Verschärfung dieses vermeidbaren interkulturellen Konflikts beigetragen.

Aus diesen Fehlern scheint der Großteil international präsenter Medien gelernt zu haben: Nur drei Jahre nach dem medialen Super-Gau haben sie weitgehend sachlich und differenziert über den anti-islamischen Film „Fitna“ des niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders berichtet. Sie haben ihrem Publikum vor allem den politischen Kontext in den Niederlanden erklärt und auf die von Wilders kalkulierte politische Provokation dezidiert hingewiesen. Deshalb erregte dieser Film – obwohl im Vergleich zu den Mohammed-Karikaturen wesentlich radikaler und populistischer – nicht annähernd ähnliche Reaktionen.

Eine einmalige Chance

Der Tod des Al-Kaida-Chefs Osama Bin Laden bietet gegenwärtig eine historische Chance, die Ära der Konfrontation und des simplen Dualismus zwischen dem „Westen“ und der „Islamischen Welt“ ad acta zu legen. Hinzu kommt, dass der Arabische Frühling zu einer merklichen Annährung zwischen westlichen und arabischen Medien führte, da beide die arabischen Demokratiebewegungen grundsätzlich wohlwollend begleiten.

Diese relative Entspannung im makropolitischen Kontext darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass gemeinsame Standards und verbindliche ethische Normen für die Berichterstattung in Krisensituationen unabdingbar bleiben. Insbesondere arabischen Medien dürften verbildlichen Leitlinien zugutekommen. Denn hier kann eine professionelle Medienkultur als Korrektiv für ein nicht ausreichend funktionierendes Mediensystem fungieren.

Diese internationalen Standards sollten Medienschaffende selbst entwickeln. So können sie die (trans)-kulturelle Sensibilisierung der Medienmacher stärken und eine größtmögliche Akzeptanz gewährleisten. Deshalb wäre es wünschenswert, wenn nachhaltige Kooperationen zwischen westlichen und muslimischen Medien vor allem in den Bereichen praktische Weiterbildungsprojekte und wissenschaftlicher Austausch stärker gefördert und institutionalisiert würden.

Loay Mudhoon

© Loay Mudhoon/ Qantara.de 2011