Schlagwort: Ägypten

Kommentar: Katar bleibt wichtiger Partner deutscher Außenpolitik


Kommentar: Katar bleibt wichtiger Partner deutscher Außenpolitik

Trotz Kritik an ihrem außenpolitischen Kurs setzt Bundeskanzlerin Merkel weiterhin auf eine enge Zusammenarbeit mit der neuen katarischen Führung. Das ist pragmatisch und klug zugleich, meint Loay Mudhoon.

Der Besuch des jungen Emirs von Katar, Scheich Tamim Bin Hamad al-Thani, in Berlin wurde von einer heftigen Debatte in der deutschen Öffentlichkeit überlagert: Wie sollte der „richtige“ Umgang mit dem Terror des selbsternannten „Islamischen Staates“ aussehen? Dabei geriet der kleine, aber einflussreiche Golfstaat in den Verdacht, an der Finanzierung dieser barbarischen Terrorgruppe beteiligt zu sein, obwohl es dafür bislang keine konkreten Belege gibt.

Auch Berichte über menschenverachtende Arbeits- und Lebensbedingungen ausländischer Arbeiter auf den gigantischen Baustellen in Doha ließen das Land und seine ambitionierte Führung in keinem guten Licht erscheinen. Daher war es auch nicht verwunderlich, dass hierzulande Stimmen laut wurden, die die Bundesregierung aufforderten, diese Fragen beim hohen Besuch aus Katar offen anzusprechen.

Doch Bundeskanzlerin Merkel machte nach dem Treffen mit Scheich al-Thani klar, dass Deutschland weiterhin auf enge Zusammenarbeit mit der neuen katarischen Führung setzt. Sie klammerte jedoch bekannte Streitpunkte nicht aus und musste sogar einräumen, dass es in Fragen wie etwa der katarischen Unterstützung der Hamas unterschiedliche Ansichten gebe.

Dieser pragmatische Kurs ist notwendig und klug zugleich. Denn das „Mini-Emirat“ am Golf ist als Partner deutscher Außenpolitik zu wichtig, ja geradezu unverzichtbar. Und dies ist keinesfalls allein auf die Tatsache zurückzuführen, dass Katar einer der wichtigsten Investoren in Deutschland und finanzstarker Abnehmer der deutschen Rüstungsindustrie geworden ist.
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Kommentar zur Präsidentenwahl 2014: Ägypten hat keine Wahl


Kommentar zur Präsidentenwahl 2014: Ägypten hat keine Wahl

Es gilt als sicher, dass Ägyptens Militärmachthaber al-Sissi die ersten Präsidentenwahlen seit dem Militärputsch vom Juli 2013 gewinnen wird. Dennoch liegt die Demokratie am Nil in weiter Ferne. Die Europäische Union sollte daher die Zusammenarbeit mit dem neuen Regime an eindeutige Konditionen knüpfen – und keinesfalls den Putsch (nach)-legitimieren. Ein Kommentar von Loay Mudhoon.

Fast ein Jahr nach dem Militärputsch gegen Mohammed Mursi, den ersten demokratisch gewählten Präsidenten in der Geschichte des größten arabischen Landes, wählt Ägypten heute (26.5.2014) und morgen ein neues Staatsoberhaupt. Doch wer glaubt, es handele sich bei diesem Urnengang um einen fairen politischen Wettbewerb nach demokratischen Spielregeln, dürfte bei genauerem Hinsehen enttäuscht sein.

Denn diese Wahlen erinnern stark an Referenden, wie sie zu Mubaraks Zeiten üblich waren: Mit Abdelfattah Al-Sisi, Ex-Feldmarschall und faktischer Machthaber seit Juli 2013, steht der Sieger praktisch schon fest. Bereits bei den im Ausland lebenden Ägyptern gewann Al-Sisi diese Woche 94 Prozent der Stimmen. Eine überraschend rekordverdächtige Stimmungsrate, möchte man meinen. Von Überraschung kann jedoch angesichts der Entwicklung in den letzten zehn Monaten in Ägypten keine Rede sein. Aber der Reihe nach.
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Kommentar zu den Massen-Todesurteilen in Ägypten: Verheerende Folgen der Dämonisierung der Muslimbrüder


Kommentar zu den Massen-Todesurteilen in Ägypten: Verheerende Folgen der Dämonisierung der Muslimbrüder

Die Todesurteile gegen 529 vermeintliche Anhänger der Muslimbrüder sind das Werk einer politisierten Justiz – und könnten jegliche Chance auf nationale Versöhnung in Ägypten zerstören, meint DW-Nahostexperte Loay Mudhoon

Selten war die für ihre Behäbigkeit bekannte Justiz in Ägypten so „effektiv“: In einem Schnellverfahren haben Richter in der oberägyptischen Stadt Minia 529 vermeintliche Anhänger der Muslimbruderschaft wegen angeblicher Beteiligung am gemeinschaftlichen Mord zum Tode verurteilt.

Für diesen „Massen-Prozess“ haben sie lediglich zwei Prozesstage benötigt. Eine Anhörung der Verteidigung war aus Sicht des Strafgerichts nicht nötig. Zwar können die Verurteilten Berufung gegen diese beispiellosen Skandalurteile einlegen, dennoch steht heute schon fest: Dieser Tag wird als ein schwarzer Tag in die Geschichte der ägyptischen Justiz eingehen.

Denn die Ad-hoc-Todesurteile lassen alle international anerkannten Mindeststandards der Rechtstaatlichkeit und der Fairness außer Acht. Und sie dokumentieren den Niedergang der einst stolzen Justiz am Nil. Aber noch wichtiger: Sie sind das Werk einer politisierten Justiz, die als Rache-Instrument im Dienste der neuen Machthaber aus Militär und Oligarchie fungiert.
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In eigner Sache: zu Gast beim ARD-Presseclub zum Thema: Aufruhr in Ägypten


In eigner Sache: zu Gast beim ARD-Presseclub zum Thema: Aufruhr in Ägypten

Nahost-Experte Loay Mudhoon zu Gast beim ARD-Presseclub zum Thema: Aufruhr in Ägypten – wird aus dem arabischen Frühling ein blutiger Herbst?

Nahostexperte Loay Mudhoon von der war am Sonntag, 18. August, zu Gast beim ARD-Presseclub. In der von WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn moderierten Sendung ging es um das Thema „Aufruhr in Ägypten: Wird aus dem arabischen Frühling ein blutiger Herbst?“
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Analyse zum Blutbad in Ägypten: Exzessive Gewalt statt friedlicher Konsens


Analyse zum Blutbad in Ägypten: Exzessive Gewalt statt friedlicher Konsens

Mit dem gewaltsamen Vorgehen gegen die Muslimbrüder hat das Militärregime den Tod hunderter Menschen in Kauf genommen. Versöhnung und Demokratie rücken so in weite Ferne, sagt DW Nahost-Experte Loay Mudhoon.

Wochenlang sah es so aus, als könnten die Bemühungen internationaler Vermittler ein blutiges Ende der Protestaktionen der Muslimbrüder gegen die gewaltsame Absetzung ihres entmachteten Präsidenten Mohammed Mursi verhindern.

Vor allem westliche Vermittler wie die EU-Außenbeauftragte Cathrine Ashton und die US-Senatoren John McCain und Lindsey Graham hatten in den letzten zwei Wochen den Druck sowohl auf die vom Militärregime eingesetzte Übergangsregierung als auch die Führung der Muslimbrüder erhöht. Die westlichen Diplomaten verfolgten das Ziel, eine friedliche Lösung für die staatliche Blockade zu ermöglichen und den Weg zur Einbindung aller politischen Kräfte in einen geordneten Versöhnungsprozess zu ebnen. Im Idealfall sollte das größte arabische Land auf den Weg zur Demokratie zurückfinden.

Doch letzte Woche kristallisierte sich heraus, dass die neuen Machthaber um Ägyptens starken Mann General al-Sisi keine ernsthaften Absichten hegen, nach friedlichen Auswegen aus der Staatskrise zu suchen – von einer notwendigen Einbindung der Muslimbrüder in die Nach-Mursi-Ordnung ganz zu schweigen.
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„Pogromstimmung gegen Demokraten in Ägypten“


„Pogromstimmung gegen Demokraten in Ägypten“

Juergen Stryjak sieht in den Muslimbruedern einen willkommenen Suendenbock, um dem aegyptischen Militaer die Teilhabe an der Macht zu sichern. „Der 25. Januar 2011, der Tag, an dem die Revolution begann, war nicht zufaellig der jaehrliche Ehrentag der aegyptischen Polizei. Von aller Willkuer, die die Aegypter zornig machte, war es besonders die brutale Polizeiwillkuer, unter der sie litten.

Im Sommer 2013, nur zweieinhalb Jahre spaeter, tragen Demonstranten auf dem Tahrir-Platz Polizisten auf den Schultern und feiern sie. Einer der Sprechchoere lautet: ‚Volk, Militaer und Polizei Hand in Hand.‘
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Kommentar zum Militärputsch in Ägypten: Düstere Aussichten am Nil


Kommentar zum Militärputsch in Ägypten: Düstere Aussichten am Nil

Die Absetzung des demokratisch gewählten Präsidenten Mohammad Mursi verschärft die Polarisierung in Ägypten. Damit das Land nicht bald unregierbar wird, müssen alle politischen Kräfte in den Übergangsprozess eingebunden werden, meint Loay Mudhoon in seinem Kommentar.

Keine Frage: Der Coup der Militärspitze um den Verteidigungsminister Abdel Fatah al-Sisi war klug inszeniert. Umgeben von den höchsten religiösen Autoritäten des Landes, dem Großscheich der Al-Azhar-Universität, Ahmed al-Tajjib, und dem koptischen Papst Tawadros II., dem international angesehenen Oppositionspolitiker und Friedensnobelpreisträger Mohammed ElBaradei und Vertretern der jungen „Tamarod-Bewegung“, verkündete der Armeechef die Absetzung des offensichtlich gescheiterten Präsidenten Mohammed Mursi und die Aussetzung der Verfassung.

Doch diese geschickte Inszenierung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei diesem gefährlichen und wohl folgenschweren Präzedenzfall um einen Putsch gegen einen demokratisch legitimierten Präsidenten handelt. Und es ist übrigens „keine zweite Revolution“, wie Vertreter der Anti-Mursi-Koalition behaupten.

Denn der Machtkampf zwischen den verfeindeten islamistischen und „liberalen“ Lagern wurde nicht durch deren erfolgreiche Massenmobilisierung am 30. Juni entschieden, sondern letztendlich durch die Intervention der Armee.
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Publikation zum Arabischen Frühling: Die Rolle der Medien in Zeiten der Arabellion


Publikation zum Arabischen Frühling: Die Rolle der Medien in Zeiten der Arabellion

Die Fachbeiträge des Media Dialogue 2012 sind jetzt in einer Schriftenreihe veröffentlicht worden. Darunter ein Essay über Soziale Medien und die Arabellion von Eira Martens, ehemalige IMS-Studentin.

„Facebook-Revolution” in der arabischen Welt: Soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter spielen eine immer größere Rolle bei politischen Protesten. Hier werden Videos von Misshandlungen gepostet, hier verabreden sich die Demonstranten. Auch in Ägypten pushte das Internet den Protest. Foto: Wikimedia/ Essam Sharaf

„Facebook-Revolution” in der arabischen Welt: Soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter spielen eine immer größere Rolle bei politischen Protesten. Hier werden Videos von Misshandlungen gepostet, hier verabreden sich die Demonstranten. Auch in Ägypten pushte das Internet den Protest. Foto: Wikimedia/ Essam Sharaf

Jährlich lädt die DW Akademie führende internationale Wissenschaftlicher und Medienexperten zum interdisziplinären Austausch „Media Dialogue“ nach Bonn ein. Im Mittelpunkt stand 2012 das Thema „Arabische Welt – Die Rolle der Medien in Zeiten des Umbruchs“. In der Konferenzdokumentation, die jetzt erschienen ist, findet sich auch ein Essay von Eira Martens, die über die Rolle der Sozialen Medien während der politischen Umbrüche geforscht hat und genau wissen wollte: Handelte es sich wirklich um eine „Facebook-Revolution“? Sie meint: „Soziale Medien werden in ihrer Funktion schnell überschätzt.“
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(Neo)-Islamismus nach dem arabischen Frühling


Internationales Kolloquium: Islamismus im Wandel

Die überraschenden gesellschaftlichen Umbrüche im arabischen Raum besiegelten bislang das Ende von vier despotischen Regimen und schufen Möglichkeiten für neue politischeKonstellationen. Eine nichtideologisierte Jugend erhob sich 2010/2011 auf den Straßen von Tunis, Kairo und andernorts, um bessere Lebensbedingungen, Demokratie, Freiheit und Schutz der Menschwürde zu fordern. Die von diesen jungen Menschen in Gang gesetzten demokratischen Transformationsprozesse bescherten jedoch Islamisten historische Wahlsiege und politische Vitalität.

Islamisten verstehen den Islam als umfassendes gesellschaftspolitisches Programm, das alle Aspekte individuellen Lebens und kollektiver Ordnung durchdringt und als Weltanschauung mit Ideologien westlicher Herkunft konkurrieren soll. Diese Weltanschauung wurde aus europäischer Perspektive stets als Bedrohung für die demokratischen Errungenschaften hiesiger Gesellschaften wahrgenommen.
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Kommentar zum Verfassungsreferendum: Spaltung statt versöhnung im postrevolutionären Ägypten


Kommentar zum Verfassungsreferendum: Spaltung statt versöhnung im postrevolutionären Ägypten
 Der Aufstand der arabischen Frauen. Foto: DW

Frisst die arabische Revolution ihre Frauen?
Ägyptens Frauen haben durch ihre starke Präsenz auf dem Tahrir-Platz maßgeblich zum historischen Umbruch am Nil beigetragen. Nun müssen sie die Freiheit verteidigen und für ihre Grundrechte kämpfen.

Keine Frage, Ägyptens Präsident Mursi trägt die Hauptverantwortung für die Eskalation der Gewalt und für die extreme Polarisierung im Lande. Doch bei der Auseinandersetzung inzwischen seinen Anhängern und Gegnern geht es um mehr als den Verfassungsentwurf. Ein Kommentar von Loay Mudhoon.

Seit Tagen hält auf den Straßen Kairos die sinnlose Gewalt zwischen Anhängern und Gegnern des ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi an. Es ist höchste Zeit für einen nüchternen Blick auf die dramatischen Ereignisse, die das größte arabische Land an den Rand eines Bürgerkriegs gebracht haben.

Angefangen hat die neuerliche Konfrontation mit Mursis „Verfassungserklärung“, mit der er die Gewaltenteilung im Lande faktisch aufgehoben hat. Mit diesen Ermächtigungsdekreten wollte er der Justiz versagen, seine Entscheidungen zu überprüfen, aber er wollte auch die verfassungsgebende Versammlung von juristischer Kontrolle ausschließen.

Dafür hatte Mursi gute, sachliche Gründe. Schließlich gilt das Verfassungsgericht als die letzte Bastion des alten Regimes. Und eben dieses Gericht ließ sich von den inzwischen entmachteten Militärs mehrfach instrumentalisieren. Im Juni hat es die erste wirklich freie und demokratische Wahl des Parlaments für nichtig erklärt.

Mursi musste damit rechnen, dass das Verfassungsgericht die von Islamisten dominierte verfassungsgebende Versammlung ebenfalls für auflöst. Doch damit wäre der ganze post-revolutionäre Transformationsprozess wieder auf Null gestellt worden. Eine lange Periode des politischen Stillstandes und der Instabilität wäre die verheerende Folge für Ägypten.

Mursi ist kein „Pharao“

Dennoch: Mursi hat instinktlos agiert, und darum trägt er die Hauptverantwortung für die Eskalation der Gewalt und die extreme Polarisierung im Land. Er hätte den Dialog mit den Revolutionären vom Tahrir-Platz suchen sollen, denn ihnen verdankt er letztlich seine Wahl. Stattdessen verlieh er sich selbst diktatorische Vollmachten und setzte alles daran, den verfassungsgebenden Prozess ohne breites Konsensverfahren durchzuboxen.

Doch Mursi ist weder ein „Pharao“ noch ein neuer Mubarak; er ist vielmehr der erste demokratisch legitimierte Präsident Ägyptens und zurzeit die einzige demokratische Institution des Landes.

Der Verfassungsentwurf, über den die Ägypter in zwei Wochen abstimmen sollen, ist im Eiltempo formuliert worden. Ein Blick darauf zeigt jedoch, dass der Text keine Grundlage dafür bietet, Ägypten in einen Gottesstaat nach iranischem Modell zu verwandeln – entgegen der zum Teil hysterischen Reaktion liberaler Eliten in Kairo und Alexandria.

Die „Prinzipien der Scharia“ sind ungefährlich

Zwar bleiben die „Prinzipien der Scharia die Hauptquelle der Gesetzgebung“ und im Artikel zwei verankert. Das ist jedoch weder neu noch gefährlich, denn dieser Artikel steht schon seit 1971 in der ägyptischen Verfassung. Und liberale, muslimische Reformdenker beziehen sich in der Regel auf die höheren „Prinzipien der Scharia“, wenn sie moderne Demokratievorstellungen mit dem Islam versöhnen möchten.

Der Verfassungsentwurf definiert auch die Rolle der renommierten Al-Azhar Universität neu: Sie soll eine karitative unabhängige Einrichtung werden und ihr Oberhaupt, den Scheich Al-Azhar, den bisher der Präsidenten ernannt hat, soll ein unabhängiges Gremium bestimmen. Das macht aus diesem angesehenen Lehrzentrum des sunnitischen Islam nun wahrlich keinen ägyptischen Wächterrat, der die öffentliche Moral am Nil kontrolliert – das befürchten Kritiker. Vielmehr würde die Al-Azhar Universität Unabhängigkeit genießen und könnte dadurch ihre mäßigende alte Rolle eher zurückerlangen, frei von politischem Einfluss.

Außerdem garantiert der Verfassungsentwurf die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz, neben Presse- und Meinungsfreiheit. Leider finden weder Frauenrechte noch der Schutz von Minderheiten explizite Erwähnung; vielmehr wird der besondere Charakter der ägyptischen Familie und ihre Bedeutung für die Nation betont. Ultrakonservative Kräfte könnten diese Formulierungen sicherlich zu Lasten der Frauen interpretieren.

Fehlende Konsenskultur

Wirklich positiv ist, dass der vorgelegte Text die Amtszeit des Präsidenten auf zwei Wahlperioden beschränkt. Diese Verfassungsgarantie verbietet es, von einem neuen „Pharao“ zu sprechen.

Bei der Auseinendersetzung inzwischen den islamistischen und zivil-liberalen Lagern geht es ohnehin um mehr als Mursis Dekrete und den Verfassungsentwurf. Es geht um die kulturelle Hegemonie im neuen Ägypten, darum, wer das Land prägen wird. Dieser Konflikt war absehbar in einem Staat mit liberalen Eliten und religiös-konservativer Bevölkerungsmehrheit. Diese Mehrheit würde Mursis Ziele und seinen Verfassungsentwurf wahrscheinlich auch dann noch unterstützen, wenn er den nationalen Dialog mit den liberalen Kräften ernsthaft suchen würde. Mursi muss mehr Versöhnung wagen.

Autor: Loay Mudhoon

Dieser Kommentar erschien zuerst auf dw.de am 07.12.2012.

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Frauennrechte in Ägypten: Frisst die Revolution ihre Frauen?


Frauennrechte in Ägypten: Frisst die Revolution ihre Frauen?

Bruch mit traditionellem Frauenbild nach dem historischen Umbruch und dem Ende des Mubarak-Regimes in Ägypten: Frauenaktivistinnen demonstrieren gegen sexuelle Belästigung in der Öffentlichkeit, die ein gesamtgesellschaftliches Problem darstellt – in Ägypten und den meisten arabischen Staaten.

Ägyptens Frauen haben durch ihre starke Präsenz auf dem Tahrir-Platz maßgeblich zum historischen Umbruch am Nil beigetragen. Nun müssen sie die Freiheit verteidigen und für ihre Grundrechte kämpfen. Eine Treffen mit Frauenaktivistinnen aus Kairo.

Die Bilder von Aktivistinnen, die an der Seite der Männer ihr Leben für ein besseres Ägypten riskierten, gingen um die Welt. Die größte Massenmobilisierung im Land im Februar 2011, die zum Sturz des Mubarak-Regimes führte, ist ohne das starke Engagement mutiger und entschlossener Frauen nicht denkbar. Auch an der Vorbereitung der Revolution waren Frauen maßgeblich beteiligt, allen voran die inzwischen weltbekannte Internetaktivistin und Mitbegründerin der „Jugendbewegung 6. April“, Israa Abdel Fattah.

Die „Jugendbewegung 6. April“ war aus dem Arbeitskampf in der Textil-Stadt Mahala im Nil-Delta im April 2008 hervorgegangen und hatte zu den ersten Protesten aufgerufen – lange vor der Besetzung des symbolträchtigen Tahrir-Platzes in Kairo.

Israa Abdel Fattah, die gemeinsam mit der Bloggerin Asmaa Mahfouz für ihre Rolle bei der Mobilisierung zu den Protesten in Ägypten und ihr Bekenntnis zur Gewaltlosigkeit für den Friedensnobelpreis nominiert wurde, erinnert sich an den Anfang der Revolution: „Wir haben aus diesem kleinen privaten Streik einen Streik im ganzen Land gemacht. Unsere Bewegung begann als große Basis- und Graswurzelbewegung, sozusagen auf dem Boden der Gesellschaft, und dann traten andere Bewegungen hinzu, wie die von Mohamed El Baradei und die Bewegung ‚Wir sind alle Khaled Said'“, sagt sie im Interview mit der Deutschen Welle.

Bruch mit traditionellem Frauenbild

Die Phase während jener 18 Revolutionstage im Januar und Februar, als die Unterschiede zwischen Männern und Frauen, zwischen Christen und Muslimen und Islamisten und Liberalen unsichtbar wurden, bezeichnen manche im Land als die Zeit der „ägyptischen Utopie“. Dazu erklärt Israa Abdel Fattah: „Wir dachten früher: Die Ägypter sind unzivilisiert, sie belästigen andauernd Frauen. Jedoch wurde uns nach der Revolution klar, all diese schlechten Verhaltensweisen waren plötzlich weg, sobald das Mubarak-Regime weg war. Sein korruptes Regime hat die Menschen schlecht gemacht.“

Keine Frage: Die Dynamik des revolutionären Aufstands 2011 hat einen nie da gewesenen Bruch mit den gesellschaftlichen Autoritäten in Ägypten vollzogen. „Vor der Revolution war es ungewohnt, wenn Frauen in der ersten Reihe mit dabei waren. Es war undenkbar, dass sie einmal in Zelten auf dem Tahrir-Platz schlafen würden, weit weg von ihren Familien. Unsere Präsenz hat da viel verändert“, erzählt Abdel Fattah.

Ägyptische Frauen zwischen Hammer und Amboss

Im postrevolutionären Ägypten gerieten Frauen von mehreren Seiten unter Druck: Das bis Juli 2012 herrschende Militär hatte sie anfangs noch bewusst ignoriert, aber die erstarkten, radikalen Salafisten haben Frauen und ihre Aktivitäten massiv angegriffen. Später wurden sie auch zur Zielscheibe brutaler Angriffe des Militärs: „Wir Frauen waren in den ersten Reihen auf dem Tahrir-Platz. Doch mit dem Erstarken der Salafisten hieß es auf einmal: Geht doch nach Hause!“ Diese Haltung gab es bei den Islamisten, den Salafisten und bei den Konservativen im Militärrat. Im Dezember 2011 wurden die demonstrierenden Frauen massiv unter Druck gesetzt, belästigt, mit Gewalt bedroht: Bilder entkleideter Frauen in der Mohammad-Mahmoud-Straße gingen um die Welt. Frauen wurden vor Militärgerichte gestellt und entwürdigenden Jungfräulichkeitstests unterzogen. Auch sexuelle Belästigungen nahmen wieder zu, aber diesmal waren sie organisiert durch den Militärrat, erklärt die Autorin und Frauenaktivisten Mansoura Ez-Eldin.

Verliererinnen der Revolte?

Angesichts dieser Zustände und Rückschläge, durch die Ägyptens Frauen immer stärker an den politischen Rand gedrängt und ihrer Grundrechte beraubt werden, neigt man dazu, sie als Verliererinnen der Revolte zu betrachten. Doch das wäre vorschnell.

Denn nach Ansicht von Dalia Ziada, Geschäftsführerin des Ibn Khaldun Zentrums für Entwicklungsstudien in Kairo und Mitbegründerin der neuen Gerechtigkeitspartei, haben sich Ägyptens Frauen dazu entschieden, für ihre Freiheit und gesellschaftliche Gleichberechtigung weiterzukämpfen: „Wir haben dieser Gesellschaft beigebracht, uns zu respektieren. Und wir stellen fest, dass die Menschen im ganzen Land einen starken Willen haben, Veränderungen durchzuführen, dass wir die Angst überwunden haben. Die Schranken der Angst – vor dem Regime, vor der Polizei – sind gefallen“.

Für Ziada, die die junge politische Aktivistinnen-Generation am Nil verkörpert, besteht der Kern des Problems darin, dass Ägypten keine Verfassung hat, in der Grundrechte wie die Gleichheit aller Bürger festgeschrieben sind. Deshalb wird „zunächst der Kampf um die Verfassung weiter anhalten“, sagt sie, „und das wird Zeit brauchen. Ich hoffe wirklich, dass es nicht zu weiterer Gewalt kommt. Die Verfassung ist ein sehr kritischer Punkt und wir müssen sicherstellen, dass sie vernünftig aufgesetzt ist“. Bis jetzt hat die zuständige Kommission noch keinen Verfassungsentwurf präsentiert. Frauen befürchten allerdings zu Recht, dass ihnen insbesondere im Familien- und Erbrecht die Gleichberechtigung verwehrt bleiben könnte, da die Verfassungskommission derzeit von Islamisten dominiert wird.

Autorin/Autor: Ute Schaeffer und Loay Mudhoon

© Deutsche Welle 2012

Dieser Beitrag wurde zuerst auf dw.de veröffentlicht.

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