Saudi-Arabien ist zum Kampf gegen den IS verdammt

6. Juli 2016

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Nach der Anschlagsserie in Saudi-Arabien hat das Königshaus keine andere Wahl, als das Pseudokalifat des IS mit allen Mitteln zu bekämpfen. Die Monarchie muss jetzt tiefgreifende Reformen durchsetzen, meint Loay Mudhoon.

Saudi-arabischer Außenminister Al-Jubeir auf der Sicherheitskonferenz in München 2016.

Noch haben die IS-Dschihadisten die Verantwortung für die spektakuläre Serie von Anschlägen, die Saudi-Arabien zum Ende des Ramadan innerhalb weniger Stunden ins Mark trafen, nicht übernommen. Dennoch: Es gilt als relativ sicher, dass das inzwischen global agierende Terror-Netzwerk für diese barbarischen Taten verantwortlich ist. Schließlich tragen die Terroranschläge eindeutig die Handschrift des selbsternannten Islamischen Staats.

Dass es zu Terroranschlägen im Herzland des Islam kommen wird, damit musste man rechnen, spätestens als die Führung in Riad sich dazu entschlossen hat, aktiver am Anti-IS-Kampf der internationalen Allianz teilzunehmen.

Außerdem ist allgemein bekannt, dass sich fast 3000 saudische Bürger in Syrien und dem Irak dem IS angeschlossen haben. Schätzungsweise ist ein Drittel dieser kriegserfahrenen Dschihadisten ins Land zurückgekehrt. Das lässt vermuten, dass die Terrormiliz ausreichend Rekruten zur Bildung von Schläferzellen zur Verfügung hatte.

Angriff auf das saudische Könighaus

In den vergangenen Jahren ist Saudi-Arabien mehrfach zur Zielscheibe dschihadistischen Terrorismus geworden. Doch die Intensität, das perfide Timing der Anschläge und ihre symbolträchtig ausgewählten Ziele markieren eine neue Qualität.

Mit Angriffen auf Moschen in der Nähe des stark bewachten US-Konsulats in Dschidda, in der mehrheitlich von Schiiten bewohnten Stadt Katif im Osten der Monarchie und in Medina in unmittelbarer Nähe des Prophetengrabes attackierten die enthemmten IS-Dschihadisten Schlüsselorte des saudischen Staates. Aus ihrem Ziel, die wahabitische Monarchie ins Chaos zu stürzen und die Macht in den heiligen Stätten von Mekka und Medina an sich zu reißen, macht die Terrormiliz nie einen Hehl.

Diese Anschläge dürfen jedoch den Blick auf die Erfolge saudischer Sicherheitsbehörden im Kampf gegen IS-Dschihadisten nicht verstellen.

Mit Hilfe umfassender Programme zur De-Radikalisierung und Rehabilitation gelang es den Behörden in den vergangenen fünf Jahren, großen Einfluss auf das Umfeld der dschihadistischen Rekrutierung im Lande zu gewinnen. Die saudischen Behörden verfolgen inzwischen alle Rückkehrer und deren Sympathisanten sehr hart. Das ist zwar bitter nötig, aber freilich nicht ausreichend, um die dschihadistische Bedrohung, die für Saudi-Arabien eine existentielle Gefahr geworden ist, in den Griff zu bekommen.

Einfluss radikaler Wahabiten zurückdrängen

Das Königshaus hat faktisch keine andere Wahl, als das Pseudokalifat des IS mit allen verfügbaren Mitteln zu bekämpfen: repressiv und präventiv. Vor allem muss der neue starke Mann, Vize-Kronprinz Mohammed bin Salman, den Einfluss radikaler Wahhabiten zurückdrängen, um tiefgreifende Reformen in Staat und Gesellschaft durchzusetzen.

Man muss freilich keine Sympathie für die herrschenden Eliten in Saudi-Arabien haben, ein Land, in dem brutale, mittelalterliche Strafen als Normalität gelten. Man hat jedoch zugleich keine andere Wahl, als den Herrschern in Riad bei ihrem schweren Kampf gegen diese enthemmten Gotteskrieger Erfolg zu wünschen.

Die Alternative wäre ein Kollaps des saudischen Staates. Und das wäre ein Alptraum, nicht nur für den Mittleren Osten. Auch für Europa.

© Deutsche Welle 2016

Dieser Beitrag wurde am 06.07.2016 auf dw.com veröffentlicht.

Loay Mudhoon ist Nahost-Experte bei der Deustchen Welle. Er leitet das Dialogportal „qantara.de – Dialog mit der islamischen Welt“.

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Über den Autor ()

Loay Mudhoon ist Nahost-Experte und Islamwissenschaftler. Lesen Sie mehr über den Autor

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