Muslime gegen den Terror in Köln: Klare Positionierung statt Distanzierung

20. Juni 2017

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In Köln demonstrierten weniger Muslime gegen den islamistischen Terrorismus als erwartet. Dennoch sendet dieser Friedensmarsch ein starkes Signal für den Zusammenhalt in der Gesellschaft, meint Loay Mudhoon.

Muslime gegen den Terror in Köln: „Niemand darf in Deutschland, kein Verband und keine Persönlichkeit, beanspruchen, alle Muslime zu vertreten. Auch das hat der kleine Kölner-Friedensmarsch heute eindrucksvoll demonstriert“, schreibt der Islamwissenschaftler Loay Mudhoon.

Unterstützt durch ein Bündnis aus Politik und Zivilgesellschaft demonstrierten Muslime und ihre Freunde heute in Köln gegen den Terrorismus im Namen ihrer Religion. Endlich – meinten viele Politiker, Publizisten und „Islamkritiker“, die in den letzten Monaten und Jahren medienwirksam und mantraartig forderten, „die Muslime“ müssten sich von der Gewalt im Namen ihrer Religion klar und unmissverständlich distanzieren.

Doch beim heutigen weitgehend privat organisierten Friedensmarsch in Köln ging es primär nicht um Distanzierung von den Schandtaten der Terroristen.

Distanzierung ist grundsätzlich problematisch, denn sie impliziert eine Kollektiv-Nähe aller Muslime zu diesen irregeleiteten Terroristen. Und das ist mitnichten der Fall. Schließlich haben fast alle wichtigen islamischen Autoritäten weltweit die Extremisten des selbsternannten Islamischen Staates längst als unislamisch entlarvt. Hinzu kommt, dass die größte Mehrheit der Opfer des islamistischen Terrorismus Muslime sind, vor allem in den islamisch geprägten Ländern.

Es ging beim heutigen Friedensmarsch auch nicht darum, zu zeigen, dass der perfide, islamistische Terrorismus mit „dem Islam“ nichts zu tun hat. Selbstverständlich hat diese Barbarei mit dem Islam zu tun. Schließlich beziehen sich die Attentäter nun mal auf den Islam. Das ist jedoch nicht entscheidend – und trägt wenig zur Erklärung von komplexen Radikalisierungsphänomenen bei.

Viel wichtiger ist die Frage, wie glaubwürdig diese Bezugnahme in Wirklichkeit ist und welche Bedeutung sie als Rechtfertigungsformel für die Gräueltaten selbsternannter Gotteskrieger hat.

Die Biografien europäischer Dschihadisten zeigen, dass aus religiösen Analphabeten in kürzester Zeit mörderische Gotteskrieger werden können. Gewöhnliche Kriminelle glauben, ihrem desolaten Leben einen angeblichen Sinn durch wahllose Tötung zu geben. Das ist eine in Europa verbreitete Form der Islamisierung der Radikalität.

Mangelndes Gespür für gesellschaftliche Stimmung

Es ging den Initiatorinnen der Kölner-Demo in erster Linie darum, eine klare Haltung gegen den Terror zu zeigen, auch im Hinblick auf die Stimmung in der breiten Bevölkerung nach den vielen Bluttaten der IS-Terroristen. Und insbesondere nachdem eine neue Stufe der Kaltblütigkeit durch das Morden von Kindern in Manchester erreicht wurde.

Und deswegen war es wichtig und notwendig, dass ein heterogenes Bündnis aus Muslimen, Nicht-Muslimen, religiösen Menschen und areligiösen Menschen, Christen und Nicht-Christen ein Zeichen gegen die Pervertierung islamischer Normen gesetzt hat. Dass die Teilnehmerzahl weit hinter den Erwartungen der Organisatoren zurückblieb, schmälert keinesfalls die Signalwirkung des heutigen Friedensmarschs.

Befremdlich ist hingegen die Haltung sowohl einiger Islamkritiker, aber auch des größten deutschen Islamverbandes Ditib: Viele medial omnipräsente Kritiker waren erstaunlicherweise sichtbar unglücklich über diese zivilgesellschaftliche Initiative, obschon sie genau das landauf, landab fordern.

Auch das Verhalten der Ditib wirft viele Fragen auf: Nachdem der Verband anfänglich die Kölner-Demo begrüßt hatte, lehnte sie die Teilnahme unter dem fadenscheinigen Vorwand, sie sei nicht mit der Fastenzeit vereinbar, ab. Und noch befremdlicher ist der Versuch einiger Ditib-Funktionäre, die geringe Resonanz auf die heutige Demo so zu interpretieren, als seien sie ab heute die einzig legitime Vertretung aller Muslime hierzulande.

Die Kölner-Demonstration wird sicherlich weder den dschihadistischen Terror stoppen noch Extremisten aller Couleur beeindrucken. Sie zeigte jedoch, wie gering der Organisationsgrad unter zivilgesellschaftlich aktiven „Muslimen“ ist – und wie groß der politische Instrumentalisierungsgrad bestimmter Islamverbände ist.

Jedenfalls darf niemand in Deutschland, kein Verband und keine Persönlichkeit, beanspruchen, alle Muslime zu vertreten. Auch das hat der kleine Kölner-Friedensmarsch heute eindrucksvoll demonstriert.

Loay Mudhoon

© Deutsche Welle 2017

Loay Mudhoon ist Nahost-Experte bei der Deutschen Welle. Er leitet das Dialogportal „qantara.de – Dialog mit der islamischen Welt“.

Dieser Beitrag wurde am 17.06.2017 auf dw.com veröffentlicht.

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verfasst unter Allgemein, Demokratie und Zivilgesellschaft, Europa, Islam von am 20. Juni 2017

Über den Autor ()

Loay Mudhoon ist Nahost-Experte und Islamwissenschaftler. Lesen Sie mehr über den Autor

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