Kulturdialog

Publikation zum Arabischen Frühling: Die Rolle der Medien in Zeiten der Arabellion


Publikation zum Arabischen Frühling: Die Rolle der Medien in Zeiten der Arabellion

Die Fachbeiträge des Media Dialogue 2012 sind jetzt in einer Schriftenreihe veröffentlicht worden. Darunter ein Essay über Soziale Medien und die Arabellion von Eira Martens, ehemalige IMS-Studentin.

„Facebook-Revolution” in der arabischen Welt: Soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter spielen eine immer größere Rolle bei politischen Protesten. Hier werden Videos von Misshandlungen gepostet, hier verabreden sich die Demonstranten. Auch in Ägypten pushte das Internet den Protest. Foto: Wikimedia/ Essam Sharaf

„Facebook-Revolution” in der arabischen Welt: Soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter spielen eine immer größere Rolle bei politischen Protesten. Hier werden Videos von Misshandlungen gepostet, hier verabreden sich die Demonstranten. Auch in Ägypten pushte das Internet den Protest. Foto: Wikimedia/ Essam Sharaf

Jährlich lädt die DW Akademie führende internationale Wissenschaftlicher und Medienexperten zum interdisziplinären Austausch „Media Dialogue“ nach Bonn ein. Im Mittelpunkt stand 2012 das Thema „Arabische Welt – Die Rolle der Medien in Zeiten des Umbruchs“. In der Konferenzdokumentation, die jetzt erschienen ist, findet sich auch ein Essay von Eira Martens, die über die Rolle der Sozialen Medien während der politischen Umbrüche geforscht hat und genau wissen wollte: Handelte es sich wirklich um eine „Facebook-Revolution“? Sie meint: „Soziale Medien werden in ihrer Funktion schnell überschätzt.“
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Kutub:na – Neue deutschsprachige Bücher für die arabische Welt


Kutub:na – Neue deutschsprachige Bücher für die arabische Welt

Trommeln in der Nacht

… ist der Titel eines bereits 1922 erschienenen Stücks von Bertolt Brecht. Gleich mehrere große Zeitthemen verarbeitete der 21jährige in dieser herben Komödie – chaotische Zustände nach dem Ersten Weltkrieg, den Spartakus-Aufstand, Liebe in Zeiten der Revolution. Der Kriegsheimkehrer Andreas Kragler, Proletarier und Revolutionär aus betrogener Liebe, wendet, als die Geliebte zu ihm zurückkehrt, der Revolution den Rücken und wird wieder zum privatisierenden Bourgeois. Ein Thema, das auch in unserer Zeit und in der arabischen Welt aktuell ist. Trommeln in der Nacht ist der „Klassiker“, den wir zur Übersetzung ins Arabische vorschlagen möchten. kutub:na 4 stellt aber vor allem aktuelle Romane, Sachbücher und Kinder- und Jugendliteratur vor, die erst kürzlich auf dem deutschen Buchmarkt erschienen sind

Bei den Sachbüchern lassen sich drei thematische Schwerpunkte feststellen: Bücher, die sich mit Demokratie und Aufklärung in Europa und in der arabischen Welt beschäftigen – es werden auch neue Denkansätze vorgestellt wie in Plaum, Die Wiki-Revolution – Absturz und Neustart der westlichen Demokratie; Orientierungshilfen und Anleitungen für die globale Welt wie Schnädelbach, Was Philosophen wissen – Und was man von ihnen lernen kann oder die Macchiavelli-Biographie; der dritte Schwerpunkt sind Bücher, die sich auf unterschiedlichen Ebenen mit gesellschaftlichen Phänomenen wie Hyperaktivität oder dem übermäßigen Konsum von Kommunikationstechnologien (Internet, Smartphone etc.) beschäftigen.

Ein besonderer Fokus liegt in dieser Ausgabe aber auf neuen Kinder- und Jugendbüchern: Unterhaltsame Titel voller Situationskomik und Sprachwitz sind genauso dabei wie ein Fantasy-Roman (Poznanski, Erebos), ein Buch über ein Pflegekind aus Ruanda (Jansen, Herzsteine) und eine berührende und nachdenkliche Geschichte über Einsamkeit und Verzweiflung (Bach, Was vom Sommer übrig ist).

kutub:na 4 stellt insgesamt wieder

25 Bücher vor – ausgewählt aus mehr als 60 Vorschlägen von einer deutsch-arabischen Jury von Journalisten, Literaturkritikern und Kinderbuchexperten aus Deutschland.Sie haben die Möglichkeit, sich per RSS-Feed über Neuerscheinungen auf dem Laufenden zu halten.Wir wünschen Ihnen eine spannende Lektüre und hoffen, dass viele „unserer Bücher“ auf Ihr Interesse stoßen und Eingang in Ihr Verlagsprogramm finden werden.

Zum Schluss möchten wir noch auf das Übersetzungsförderungsprogramm des Goethe-Instituts hinweisen:
www.goethe.de/uebersetzungsfoerderungWenn Sie einen Antrag auf Übersetzungsförderung stellen möchten, beraten wir Sie gerne!Download Symbolkutub:na 4 (PDF, 470 KB)

Projekt “Mapping Democracy“: Mehr globale Teilhabe wagen


Auf Einladung des Goethe-Instituts diskutierten am letzten Sonntag in den Münchner Kammerspielen Künstler und Wissenschaftler aus Ägypten, Spanien und Deutschland über Protest und Partizipation in ihren Ländern. Mehr..

Die Veranstaltungsreihe “Mapping Democracy“ des Goethe Instituts fokussiert auf den Demokratiediskurs in all seiner Ambivalenz: Per Videokonferenz diskutieren Publikum und Experten in München mit je zwei weiteren Goethe-Standorten weltweit. So entsteht ein globales Gespräch über die Zukunftsfähigkeit der Demokratie. Mehr…

Video „Mapping Democracy“ Trailer Kairo, Madrid

Mehr zum Thema

Veranstaltungsreihe “Auf Weltempfang – Mapping Democracy“:

Neue Herausforderungen für die Demokratie

Neue Herausforderungen für unser Verständnis von Demokratie will das Goethe-Institut mit seiner Veranstaltungsreihe „Auf Weltempfang – Mapping Democracy“ ausloten. Im Fokus stehen dabei auch die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den neuen sozialen Bewegungen in Europa und der Protestbewegung in Nordafrika. Von Claudia Mende weiter »

Verse des Wandels: Syrien ist das Hauptthema des 13. poesiefestivals berlin


Das 13. poesiefestival berlin widmet einem Land einen Thementag, in dem seit mehr als einem Jahr ein blutiger Konflikt herrscht: Syrien. In drei Veranstaltungen berichten am 8.6.2012 Dichter aus Syrien und aus dem Exil über die Revolution, über ihre Visionen und die Aussichten, diese zu realisieren, und lesen ihre Texte. Mit dabei sind: Nuri al-Jarrah, Hazem Alazmah, Rasha Omran und Omar Soliman.

Autoren wie Adonis, Muhammad al-Maghut und Nizar Qabbani zählen zu den wichtigsten Stimmen der arabischen Poesie und prägen ihr Bild bis heute. Trotzdem ist die syrische Dichtung in Deutschland beinahe unbekannt. In der ersten Veranstaltung geben syrische Dichter Einblick in die Poesie des Landes.Die Situation in Syrien verändert sich täglich, gesicherte Informationen über die Vorgänge im Land gelangen nur spärlich zu uns. Im zweiten Panel berichten Autoren über die Lage in dem vom Krieg zerrütteten Land. Sie berichten über die Hintergründe der Revolution, welche Rolle der Dichtung in der Revolution zukommt und wie sich die Intellektuellen als Dichter und/oder Aktivisten zu den politischen Verhältnissen verhalten. Alle vier Gäste haben die Ereignisse der letzten Monate vor Ort miterlebt und positionieren sich in unterschiedlicher Weise zu den verschiedenen Strömungen des Aufstandes.In der dritten Veranstaltung kommt die Poesie zu Wort. Die syrische Dichtkunst nimmt eine wichtige Position innerhalb der arabischen Poesie ein. Ihre Vertreter hatten Anteil an den Debatten um Form und Funktion der Dichtung in der Moderne sowie an der Entwicklung neuer Strömungen.

Vier Dichterinnen und Dichter verschiedener Generationen zeigen die vielen Facetten der syrischen Poesieszene und der Gesellschaft als Ganzes. Über ihre Gedichte spannt sich ein weites Spektrum an Themen und poetischen Formen: Auseinandersetzungen mit dem Großstadtleben stehen Schilderungen des ländlichen Milieus gegenüber, universelle Themen wie Liebe, Verlust oder Familienbande werden aus unterschiedlichsten Perspektiven betrachtet.

Gemeinsam ist ihnen die Abkehr von den ‚großen‘ philosophischen Fragen und ein oftmals überraschender Blick auf Alltägliches. In der jungen wie in der älteren Generation finden sich teils gewagte experimentelle Formen, zahlreiche Gedichte verbinden Altes und Neues und demonstrieren die Vertrautheit mit weltliterarischen Strömungen.Das 13. poesiefestival berlin findet statt vom 1. – 9.6.2012 in der Akademie der Künste, Hanseatenweg 10. Weitere Informationen unter: www.poesiefestival.orgDas poesiefestival berlin wird gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds und findet statt in Kooperation mit der Akademie der Künste.

Fr 8.6. 17:00

Poesiegespräch: Syrische Dichtung – ein ungehobener Schatz

Akademie der Künste, Hanseatenweg

Mit: Nuri al-Jarrah (Dichter, Journalist, Syrien/UK), Rasha Omran (Dichterin, Kairo/Syrien)

Moderation: Subhi Hadidi (Literaturkritiker, Paris/Syrien)

Fr 8.6. 18:30

Demokratisierungsprozess und Machtkämpfen

Akademie der Künste, Hanseatenweg,

Syrien zwischen

Mit: Nuri al-Jarrah (Dichter, Journalist, Syrien/UK), Hazem Alazmah (Dichter, Damaskus), Amer Matar (Journalist und Aktivist, Köln/Syrien), Rasha Omran (Dichterin, Kairo/Syrien), Omar Soliman (Dichter, Paris/Syrien)

Moderation: Aktham Suliman (Journalist, Berlin/Syrien

Fr 8.6. 20:00

Ein leerer roter Mantel – Poesie aus Syrien

Akademie der Künste, Hanseatenweg

Mit Nuri al-Jarrah (Dichter, Journalist, Syrien/UK), Hazem Alazmah (Dichter, Damaskus), Rasha Omran (Dichter, Kairo/Syrien), Omar Soliman (Dichter, Paris/Syrien), Ashraf Kateb (Musiker, Berlin/Syrien)

Moderation: Aktham Suliman (Journalist, Berlin/Syrien)

Das vollständige Programm finden sie online hier.

Mehr zum Thema: Literatur und Arabischer Frühling

Aufstand der Worte

Qantara.de: Erneute Nominierung für den CIVIS Medienpreis 2012


Qantara.de: Erneute Nominierung für den CIVIS Medienpreis 2012
Bereits im vergangenen Jahr wurde Qantara.de von der renommierten "Encyclopedia Britannica" als eine der besten Websites weltweit ausgezeichnet.

Bereits im vergangenen Jahr wurde Qantara.de von der renommierten „Encyclopedia Britannica“ als eine der besten Websites weltweit ausgezeichnet.

Das Internetportal Qantara.de will zum Dialog mit der islamischen Welt beitragen. Jetzt ist das Projekt der Deutschen Welle für den CIVIS Online Medienpreis nominiert worden.

Brücken bauen, den interkulturellen Dialog fördern – das schreiben sich viele journalistische Projekte auf die Fahnen. Die Redakteure des Internetportals Qantara.de nehmen dieses Ziel wörtlich. Nicht nur, weil „Qantara“ auf Arabisch „Brücke“ heißt. Sondern auch, weil sie ihre Leser und Autoren ganz direkt zum Dialog auffordern. Regelmäßig bittet die Redaktion Intellektuelle aus unterschiedlichen Kulturkreisen, sich per E-Mail über ein bestimmtes Thema auszutauschen – zum Beispiel über den arabischen Frühling.

Mehrsprachige Korrespondenz

So beschreiben der ägyptische Schriftsteller Khaled Al-Khamissi und der deutsche Journalist Stefan Weidner auf Qantara.de ihre Eindrücke und Erlebnisse während der Aufstände in Ägypten und diskutieren miteinander. Ihre Korrespondenz wird auf Deutsch, Arabisch und Englisch veröffentlicht – und schlägt so eine Brücke zwischen Orient und Okzident. Eine Idee, die überzeugt: Die Jury des CIVIS Online Medienpreises hat das Internetportal für ihren Preis nominiert. CIVIS zeichnet Programmleistungen im Radio, Fernsehen und Internet aus, die das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlichster nationaler, ethnischer, religiöser oder kultureller Herkunft fördern.

Autoren aus Europa und islamisch geprägten Ländern

Dass jeder Beitrag, der bei Qantara.de erscheint, übersetzt und in mehreren Sprachen publiziert wird, trage zur „Pluralität der Meinungen“ bei und sorge dafür, dass der Dialog nicht schon an sprachlichen Schwierigkeiten scheitert, sagt Redaktionsleiter Loay Mudhoon. „Wir übersetzen viele Beiträge, Essays und Kommentare von muslimischen Autoren ins Deutsche und Englische“, betont er. „Das findet man in anderen Online-Medien nicht – und das ist das Alleinstellungsmerkmal von Qantara.de.“

Mehr als 300 Autoren aus Europa und islamisch geprägten Ländern kommen gleichermaßen zu Wort. Palästinensische Frauenrechtlerinnen äußern sich ebenso wie libanesische Politikwissenschaftler oder deutsche Arabisten; die internationale Buchmesse in Saudi-Arabien ist genauso Thema wie der Atomstreit mit dem Iran oder die politische Situation in Pakistan.

Projekt der Deutschen Welle

Ob in Interviews, Analysen oder Bildergalerien, per Leserbrief, Gast-Kommentar oder Briefwechsel – das Qantara-Team will Hintergründe und Erklärungen bieten, Vorurteile abbauen und Wissenslücken schließen. Gegründet wurde das Internetportal 2003, zwei Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September, als Muslime weltweit unter Generalverdacht gerieten. „Oftmals wird nicht ausreichend zwischen dem Islam als Religion und dem Islamismus als politischer Ideologie getrennt“, hat Redaktionsleiter Mudhoon beobachtet.

„In diesem Kontext trägt Qantara.de zu einer Versachlichung der Debatte bei.“ Das Portal ist ein Projekt der Deutschen Welle, an dem auch das Goethe-Institut, das Institut für Auslandsbeziehungen und die Bundeszentrale für politische Bildung beteiligt sind. Das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland fördert das Projekt. 2011 wurde Qantara.de optisch neu gestaltet.

Multikulturelles Redaktionsteam

Mehr als 30.000 Klicks verzeichnet Qantara.de täglich. Besonders beliebt: das Dossier „Arabischer Frühling“. Das multikulturelle Redaktionsteam hat darin eine Fülle von Beiträgen zusammengestellt, die in den vergangenen Monaten entstanden sind und Themen aufgreifen, die in der Tagespresse oft keinen Platz finden.

„Die politischen Umwälzungen im arabischen Raum haben dafür gesorgt, dass die Vielfalt der Gesellschaften zwischen Casablanca und Riad offen zu Tage trat“, sagt Ute Schaeffer, Chefredakteurin der Deutschen Welle, die für das Projekt verantwortlich ist. „Es gibt nur wenige journalistische Angebote, welche diese Vielfalt so umfassend und kontinuierlich begleiten wie Qantara.“

Ausgezeichnetes Internetportal

Das sieht die Jury des Europäischen CIVIS Medienpreises für Integration und kulturelle Vielfalt offensichtlich ähnlich. Die Jury hat Qantara.de in der Kategorie „Online“ nominiert. „Die neu gestaltete Webseite bietet vielfältige Perspektiven und Beiträge zu wichtigen politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Fragen“, heißt es in der Begründung. „Ein journalistisches Netzangebot, das die Verständigung zwischen den Kulturkreisen fördert und Vorurteilen entgegenwirkt. Ein hochinteressantes Webangebot – sehr informativ und überzeugend.“ Bereits im vergangenen Jahr wurde Qantara.de von der renommierten „Encyclopedia Britannica“ als eine der besten Websites weltweit ausgezeichnet.

Autorin: Anne Allmeling

Dieser Beitrag wurde zuerst am 15.4.2012 auf dw.de veröffentlicht.

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Civis-Medienpreis

Der Civis-Medienpreis ist Europas bedeutendster Medienpreis für Integration. Er wird als europäischer und deutscher Fernsehpreis sowie als europäischer Radiopreis für deutschsprachige Programme in sechs Kategorien verliehen. Mit dem Young CIVIS Media Prize kommt ein europäischer Förderpreis hinzu, sowie seit 2010 eine zusätzliche Auszeichnung für journalistische Webangebote zum Thema Integration und kulturelle Vielfalt. Offizieller Auslober des Medienpreises sind die Arbeitsgemeinschaft der Landesrundfunkanstalten in Deutschland (ARD), vertreten durch den WDR, und die Freudenberg-Stiftung. Medienpartner sind der Österreichische Rundfunk, die Schweizerische SRG SSR, die Deutsche Welle, das Slowenische Radio und Fernsehen, das Deutschlandradio, der deutsch-französische Kulturkanal Arte, 3sat, Phoenix und die Europäische Rundfunkunion (EBU).

Weitere Informationen finden sie auch im Internet unter: www.civismedia.eu.

Kulurpolitik in Zeiten des Wandels: Arabische Kulturschaffende wollen Selbstbestimmung, Mobilität und keinen „akademischen Tourismus“


Kulurpolitik in Zeiten des Wandels: Arabische Kulturschaffende wollen Selbstbestimmung, Mobilität und keinen „akademischen Tourismus“

"Eine gewisse Niedergeschlagenheit, durchmischt von Trotz und in Wellen erwachendem Widerstandswillen, ist derzeit spürbar. Beherrschend ist das Gefühl, dass die 'Revolution' gleichsam 'gekidnappt' wurde – vom Militär und von den Islamisten", meint Günther Hasenkamp, Programmleiter des Goethe-Instituts in Kairo und Zuständig für Nordafrika und Nahost, im Gespräch mit Loay Mudhoon.

Günther Hasenkamp, Programmleiter des Goethe-Instituts in Kairo erklärt, warum  arabische Künstler treibende Kräfte des Wandels sind.

Schriftsteller, Musiker und Regisseure in den arabischen Ländern sind ein wichtiger Teil der Revolutionen. Doch ihre kulturelle Infrastruktur ist derzeit noch dürftig. Hier kann die internationale Kulturarbeit helfen, meint Günther Hasenkamp, Programmleiter des Goethe-Instituts in Kairo, im Gespräch mit Loay Mudhoon.

Der arabische Frühling hat viele Staaten in Nordafrika und Nahost grundlegend verändert. Das Goethe-Institut in Kairo liegt wenige Meter entfernt vom Tahrir-Platz, dem Epizentrum der „Arabellion“. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Günther Hasenkamp: Nach Mubaraks Sturz lag viel Euphorie in der Luft. Vor dem Institut war ein demolierter Stasi-LKW geparkt mit einem bezeichnenden Graffiti darauf: „The End“. Die Zeichen standen auf radikalem Neubeginn. Man hatte Lust, Kairo als Großbaustelle einer neuen Gesellschaft zu betrachten, auch wenn da die Architekten nicht zu sehen waren. Doch diese Heiterkeit war binnen Wochen verflogen. Nach und nach, spätestens nach dem Sommer, wurde die Enttäuschung größer. Die Nach-Revolution ist ja, wie die berühmten 18 Tage im Januar und Februar, ein sehr emotionaler Prozess. Man erlebt das direkt mit – nicht nur, weil man im Büro jeden Sprechchor vom Tahrir hören kann.

Arabische Kulturschaffende waren und sind ein wichtiger Teil der Revolution. Wie macht sich dieser historische Umbruch in Ihrer Kulturarbeit vor Ort bemerkbar?

Hasenkamp: Kultur kann ein Seismograph für gesellschaftliche Verhältnisse sein, ohne dass sie zu flacher Sozialdiagnostik verkommt. Im vorrevolutionären Ägypten gibt es dafür zahlreiche Beispiele, Al-Aswanis Roman „Das Yacoubian-Haus“ und Ahmad Abdallas Film „Microphone“ sind bekannte Beispiele.

Weniger bekannt ist das Underground-nahe Universum der unabhängigen Kurzfilmer, die gleichsam unter dem Radar der Zensur fliegen. In unserem Projekt „Arab Shorts“ sind solche Arbeiten zu sehen. Womit beschäftigen sich diese Künstler? „Wir sind nicht die Ärzte“, hat Alexander Herzen im fernen 19.Jahrhundert gesagt: „Wir sind der Schmerz“. Das beschreibt die vorrevolutionäre arabische Kultur recht gut. Insofern brauchte man sich nicht zu wundern, so viele Kulturaktivisten unter den Revolutionären zu finden.

Doch die Revolution hat das Leben der Menschen ja sehr grundlegend erschüttert. Man ist aus der Vereinzelung hervorgetreten in eine neue Kollektivität, auch wenn diese wie im Fall der Facebook-Communities nur virtuell ist. Das Private ist plötzlich politisch geworden und das Öffentliche gewissermaßen privat. Demonstranten nahmen einen Besen in die Hand um auf dem Tahrir die Straße zu fegen. Denn jetzt war es „ihr“ Platz und nicht mehr der polizeibewachte fremde Raum. Hier hat eine Wiederaneignung stattgefunden. Man hat eingenommen, was einem entwendet worden war – ein Gefühl, das der Occupy-Bewegung anderswo auf der Welt sicher sehr nachvollziehbar ist, bei allen sonstigen Unterschieden.

Das ist alles sehr vielschichtig und komplex. Im Dezember haben wir, zusammen mit der Kulturorganisation „Al-Mawred Al-Thaqawy“, versucht, einige dieser Zusammenhänge auf einem „Forum“ mit arabischen und europäischen Gästen zu diskutieren – da schwankte die Stimmung zwischen Euphorie und Depression. Solche schwankenden Situationen kommen jetzt oft vor.

Deutschland und Europa wurden vom Ausbruch der Revolutionswelle vor einem Jahr überrascht. Wie hat das Goethe-Institut auf diese dramatischen Ereignisse reagiert?

Hasenkamp: Es war schnell deutlich, dass die demokratischen Kräfte im Wortsinn keinen „Raum“ hatten, sich zu entfalten. Wir haben dann unsere ehemalige Galerie demokratischen Jugendinitiativen zur Verfügung gestellt und sie in „Tahrir Lounge“ umbenannt. In Selbstverwaltung der jungen Leute entstand da sehr schnell ein reger Versammlungs- und Seminarbetrieb, auch Konzerte und sogenannte „Tweet Nadwas“, wo man ein Thema diskutiert während dazu Twitter-Nachrichten auf eine Wand projiziert werden. Die Aktivitäten der „Tahrir Lounge“ sind im Grunde politische Bildungsarbeit.

Schon im März starteten wir im Internet ein Webjournal namens „Transit“. Wir wollten, wie bei einem „Zeit-Recorder“, junge Leute bitten mitzuschreiben, welche Themen, Stimmungen und Diskussionen sie jetzt bewegen. Nicht unbedingt, um es zu dokumentieren – sondern weil der historische Moment da war, ohne Angst vor Repression zu sagen, was man denkt. Alles sehr direkt, sehr wirklichkeitsnah, sehr eindrucksvoll.

Unser bestehendes Engagement für den arabischen Film erwies sich als hilfreich. Im Sommer veranstalteten wir mit dem Berliner „Arsenal“ eine arabische Filmwoche. Da konnten wir zeigen, welche Bedeutung die unabhängigen, staatsfernen Szenen hatten.

Sie möchten den jungen Demokratieaktivisten also Raum zum Diskutieren und Debatieren geben. Unter dem Mubarak-Regime durften viele Kulturinstitutionen politische Themen nicht ansprechen. Wie frei können Sie als Kulturakteur agieren, existieren zensurfreie Räume?

Hasenkamp: Unter Mubarak war es sehr wichtig, dass es geschützte Räume gab. Der 25. Januar und erst recht der 11. Februar, der Sturz des Diktators, waren dann wie eine Erlösung: Endlich konnte man frei politisch diskutieren! Es hat nicht lange gedauert, bis das Militär begann, massiv gegen Kritiker vorzugehen.

Aktuell müssen sich einige Nichtregierungsorganisationen – einige amerikanisch unterstützte, aber auch die Konrad-Adenauer-Stiftung – bedroht fühlen, deren Büros durchsucht und deren Mitarbeiter soeben mit Ausreiseverbot belegt worden sind. Hier tut sich ein unschöner Widerspruch auf: Während westliche Regierungen die Förderung der „Zivilgesellschaft“ als Beitrag zum demokratischen Aufbau verstehen, sehen das Militär bzw. staatliche Stellen eben jene „Zivilgesellschaft“ als Bedrohung, als Agent der Destabilisierung an. Und noch etwas kommt hinzu: Nach dem Wahlsieg der islamistischen Parteien wird gerade von den Kulturszenen sehr aufmerksam beobachtet, ob die neue Regierung der Kultur den nötigen Freiraum lässt. Es könnte also sein, dass geschützte Räume ihre Bedeutung behalten.

Vielleicht muss ein Kulturinstitut ohnehin so etwas sein wie ein „Feldlazarett“ – ein Ort außerhalb irgendwelcher Kampfzonen, ein Ort des Rückzugs, wo man sich kümmert, gerade wenn etwas zerbrochen ist und Ungewissheit herrscht, wie es weiter geht.

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Seit dem Ausbruch des arabischen Frühlings hoffen viele arabische Kulturschaffende in der Region auf einen schnellen Wandel. Nun ist die anfängliche Begeisterung, wie Sie es gerade beschrieben haben, merklich gedämpft. Welche Möglichkeiten hat die internationale Kulturarbeit, bei der Gestaltung des Übergangprozesses zu helfen?

Hasenkamp: Eine gewisse Niedergeschlagenheit, durchmischt von Trotz und in Wellen erwachendem Widerstandswillen, ist derzeit spürbar. Beherrschend ist das Gefühl, dass die „Revolution“ gleichsam „gekidnappt“ wurde – vom Militär und von den Islamisten.

Viele Künstler, so geht ein Bonmot, produzieren derzeit entweder nichts oder jedenfalls nichts über die Revolution. Dabei kann man, gerade als Künstler, diesem Thema kaum ausweichen. Natürlich gibt es viel Deskription. Da sind die vielen Dokumentarfilme, deren ästhetische Verfahren zwar vorhersehbar bleiben, die aber durch die emotionale Kraft ihrer Bilder fesseln. Man bleibt eben nicht unbeteiligt, wenn man auf der Leinwand zusieht wie ein panisch werdender Polizist seine Pistole gegen Demonstranten abdrückt. Dann gab es Initiativen wie „Mayadin-al-Tahrir“ (Deutsch: Tahrir-Platz), die mit kurzen Spielfilmen und Videoclips politische Bildungsarbeit im Vorfeld der Wahlen betrieben.

Am meisten Aufsehen erregen jene direkten politischen Interventionen, die mit künstlerischen Mitteln erfolgen. In Syrien ließen Aktivisten rote Farbe in öffentliche Springbrunnen ein, so dass „Blut“ floss in der Stadt – bis die Behörden das Wasser abstellten. In Kairo fanden sich Befehlshaber der Polizei, die Schießbefehl gaben, auf „Wanted“-Plakaten und mit Schablonen gesprayt als Graffiti wieder. Die sarkastische und angriffslustige Straßenkunst, etwa der sich selbst so nennenden „Höhlenmenschen“ in Tunesien, ist enorm populär.

Film und Theater sind vorwiegend dokumentarisch, und ein Schlüsselmedium derzeit ist das digitale Bild. Medieninitiativen wie „Mosireen“ oder „Kazeboon“ filmen Polizeigewalt und zeigen diese auf Youtube oder bei improvisierten Screenings auf Straßen und Plätzen, so beispielsweise beim „Tahrir Cinema“ im letzten Sommer.

An diesem Wochenende hat man, aus einer Demonstration heraus, direkt an den Büroturm des staatlichen Fernsehens Filmbilder projiziert, die dort niemals gesendet würden – das waren „Gegen-Bilder“ im Wortsinn und Versuche zu zeigen, wie es „wirklich“ ist. Das erscheint als Gebot der Stunde, und „No time for art“ heißt denn auch ein dokumentarisches Theaterstück der jungen ägyptischen Regisseurin Leila Soliman vom vergangenen Jahr.

Es zeichnet sich aber ein paralleler Prozess ab, eine Explosion der Kreativität, die von einem starken Bedürfnis nach kultureller Selbstvergewisserung getragen wird. Und in Diktaturen geht ja mit der Freiheit auch die Schönheit verloren. Allerorten entstehen junge Bands, neue Theaterstücke und zahlreiche Filme, und man wird ein neues Interesse an der eigenen Geschichte vorhersagen können. Aber es gibt zu wenige Kulturzentren, Bühnen, Proberäume. Die kulturelle Infrastruktur reicht nicht aus, hier sind Investitionen nötig. Auch fehlt es an Know How. Professionelle Kulturmanager zum Beispiel sind wirklich Mangelware. Hier kann die internationale Kulturarbeit sinnvolle Angebote machen. Hier liegen auch die Schwerpunkte der kulturellen „Transformationspartnerschaft“, die das Auswärtige Amt mit Ägypten vereinbart hat.

Welche Erwartungen haben arabische Kulturschaffende an Deutschland und Europa?

Hasenkamp: Was wir wahrnehmen ist, dass man ihnen zuhört. Dass der Westen ehrlich umgeht mit seiner langjährigen Unterstützung für die arabischen Diktaturen. Dass man keinen „akademischen Tourismus“ pflegt, wo Kuratoren und Wissenschaftler einfliegen und die arabischen Kulturaktivisten lediglich als Auskunftsgeber und Materiallieferanten für eigene Produktionen betrachten. Man will endlich Selbstbestimmung – auch gegenüber dem Rest der Welt. Und man will Mobilität – Isolation war gestern.

Das Gespräch führte Loay Mudhoon

© Qantara.de 2012


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Facebook und die Arabellion: Experten diskutieren in der Quandt-Stiftung die Rolle der sozialen Netzwerke im Arabischen Frühling


Facebook und die Arabellion: Experten diskutieren in der Quandt-Stiftung die Rolle der sozialen Netzwerke im Arabischen Frühling
Soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter spielen eine immer größere Rolle bei politischen Protesten. Hier werden Videos von Misshandlungen gepostet, hier verabreden sich die Demonstranten. Auch in Ägypten pushte das Internet den Protest.

„Facebook-Revolution“ in der arabischen Welt: Soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter spielen eine immer größere Rolle bei politischen Protesten. Hier werden Videos von Misshandlungen gepostet, hier verabreden sich die Demonstranten. Auch in Ägypten pushte das Internet den Protest. Foto: Essam Sharaf

Die „Facebook-Revolution“: Facebook und die arabischen Revolutionen – Thema der Jahreskonferenz „Trialog der Kulturen“ der Herbert-Quandt-Stiftung

Die Umbrüche in der arabischen Welt waren Thema der Jahreskonferenz „Trialog der Kulturen“ der Herbert-Quandt-Stiftung. Experten aus Politik, Wissenschaft und Medien diskutierten unter anderem auch darüber, welche Rolle Facebook gespielt hat. Von Sophia Bernhardt

Eine Facebook-Revolution hat es nie gegeben, stellte Mathieu von Rohr, Auslandsredakteur des Nachrichtenmagazins „Spiegel“, gleich zu Beginn der Diskussion klar. „Mich stört, dass behauptet wird, dass Facebook der Grund für die Revolution in der arabischen Welt war, dass das Internet automatisch Demokratie befördert.“

Diese westliche Sicht sei falsch. „Die Revolution hat mit einem sozialen Protest begonnen“, stellte er klar. Das Gerede um die Facebook-Revolution sage mehr über uns aus als über den Arabischen Frühling. „Wir sehen liberale junge Menschen und denken sie sind wie wir, was ein Irrtum ist. Außerdem benutzen sie westliche Medien. Das schmeichelt uns.“ Drittens ermögliche der Irrtum dem Westen, „dabei zu sein“.

Loay Mudhoon, Redaktionsleiter bei der Deutschen Welle, sah das ähnlich: „Wir machen einen großen Fehler, wenn wir uns nur auf die technische Seite der Revolution, auf die Blogger, konzentrieren.“ Die Gefahr sei groß, dass man die Realität aus den Augen verliere.

Forum für Diskussionen

In einem waren sich die Experten einig: Facebook habe die Revolution nicht verursacht, aber die sozialen Netzwerke hätten dennoch eine große Rolle gespielt. Facebook war ein entscheidendes Instrument, die Revolution voranzubringen, so die Ansicht von Ahmad Badawy, politischer Aktivist, Autor und Programmdirektor in der „Egyptian Democratic Academy“ in Kairo. „Es war ein Mittel, um Politik zu machen, weil alles andere kontrolliert wurde. Man konnte dort alles diskutieren. Im Fernsehen hätte man viele Bilder nicht gesehen“, so Badawy. Die sozialen Netzwerke hätten eine öffentliche Plattform geschaffen, die in diesen Ländern mit den traditionellen, staatlich kontrollierten und zensierten Medien nicht hätte hergestellt werden können.

Für Mudhoon waren die sozialen Netzwerke im Arabischen Frühling mehr als ein Kommunikationsinstrument. „Die primäre Funktion von Facebook war die Überwindung der Angst. Die sozialen Medien haben dazu geführt, dass in der neuen arabischen Welt die Schranken der Angst gefallen sind.“ So habe eine Ägypterin, die gefoltert wurde, auf Facebook erstmals darüber berichtet. Sie schrieb: „Ich fühle mich erstmals als Mensch, weil ich meine Meinung äußern konnte.“ Facebook sei ein Werkzeug gewesen, um sich aus der Unmündigkeit zu befreien. Durch die sozialen Netzwerke hätten die Menschen erstmals erfahren, was Pluralismus sei, konstatierte Mudhoon. Davor habe es nur die Sichtweise der Islamisten oder des Regimes gegeben.

Nicht jeder hat Internet

Die Beteiligung an den sozialen Netzwerken setzt allerdings den Besitz von einem Internetzugang voraus, etwas, was eher auf die Bürgerlichen zutrifft und die Analphabeten und die ländliche Bevölkerung weitgehend ausschließt. Der Fernsehsender Al-Djasira habe den Übergang vom Virtuellen ins Reale begleitet. „Al-Djasira hatte die wichtige Funktion, die Leute zu erreichen, die keinen Internetzugang haben“, so Mudhoon. Zurzeit sei Al-Djasira der Nukleus des arabischen Bewusstseins.

Facebook sei eine Plattform, auf der man sich äußern könne. „Diese expressive Bedeutung ist genauso wichtig wie die informative“, betonte Prof. Jo Groebel vom Deutschen Digital Institut (Berlin). Die sozialen Netzwerke seien unmittelbar und synchron. Die Heimatsprache sei die Sprache des Internets, außer in der Revolution. „Facebook bringt die Möglichkeit einer Scheindemokratisierung mit sich“, merkte er kritisch an. In Wirklichkeit sei es nur eine kleine Anzahl von Leuten gewesen, die die Revolution angeführt hätten.

Der traditionelle Journalismus, der auf gesicherten Fakten beruhe, könne durch die sozialen Netze nicht ersetzt werden, so Groebel. „Nach der ,Facebook-Revolution‘ könnte es ein trauriges Erwachen geben. Die Entwicklung wird nicht an Facebook zu messen sein, sondern an der Wirklichkeit.

Der Artikel ist in der Frankfurter Neue Presse vom 20. November 2011 erschienen.

Neue Autoritäten in der arabischen Welt? Politik und Medien nach den revolutionären Aufbrüchen. Mehr

Mehr zum Thema:

Die Bedeutung Sozialer Netzwerke in der arabischen Welt

Social Media und die Arabische Revolution

Am vergangenen Freitag ging die internationale Online-Konferenz „Facebook Revolutions? – Die Bedeutung von Social Media für den politischen Wandel in der arabischen Welt“ zu Ende. Dort tauschten sich die Teilnehmer mit internationalen Experten, Politikern und Journalisten aus. Ich verfolgte die zweiwöchige Konferenz für politik-digital.de und liefere einen Einblick samt Links mit interessantem Material zum Arabischen Frühling.

Weiterführende(s) Links/Material zum Thema:

Arabische und westliche Medien nach 11. September 2001: Wann ist ein Märtyrer ein Märtyrer?


Arabische und westliche Medien nach 11. September 2001: Wann ist ein Märtyrer ein Märtyrer?
Zehn Jahre nach den Anschlägen vom 11. September 2001 brauchen international präsente Medien einen Ost-West-Konsens. Nicht nur hinsichtlich der Verwendung zentraler Begriffe. Gemeinsame Standards und ethische Normen für Krisensituationen sind unabdingbar. Ein Standpunkt von Loay Mudhoon

Wie kann es international präsenten Medien wie BBC World, Al Dschasira, Deutsche Welle oder France 24 gelingen, in Krisenzeiten und Konfliktsituationen objektiv und ausgewogen zu berichten? Wie können sie jenseits von National- und Kulturgrenzen konfliktentschärfend wirken? Können sich westliche und muslimische Medienschaffende zehn Jahre nach dem epochalen Bewusstseinsschock vom 11. September 2001 auf gemeinsame professionelle Standards und klare ethische Maßstäbe für die Berichterstattung einigen?

Und können sie einen Konsens erzielen über den Umgang mit umstrittenen Begriffen wie „Märtyrer“, „islamistischer Terrorismus“ oder „gezielte Tötung“? Denn einerseits erleben wir zwar eine Internationalisierung der Kommunikation, andererseits erfolgt die Berichterstattung jedoch zunehmend vor dem kulturellen Hintergrund des jeweiligen Senders.

Spätestens seit dem großen Karikaturenstreit von 2005/2006, der als Wendepunkt im Verhältnis zwischen Europa und der islamisch geprägten Welt in die Geschichte einging, bilden diese Fragen den Kern der Debatte über die Rolle dieser Medien im internationalen Kontext. Denn dieser Konflikt hat uns vor Augen geführt, wie groß das Potenzial für grenzüberschreitende Eskalation sein kann, wenn sensible Themen ohne kulturelle Kompetenz und ohne das nötige Hintergrundwissen behandelt werden.

Ein vermeidbarer Konflikt

Damals waren nicht wenige Medienmacher und -wissenschaftler von der Wucht einer Kettenreaktion von Missverständnissen überrascht. Sie fragten sich: Wie konnte es nach der Veröffentlichung der sogenannten Mohammed-Karikaturen zu diesen ost-westlichen Irritationen kommen und vor allem zur gewaltsamen Eskalation? Die Erklärung liegt heute auf der Hand: Die meisten nationalen und internationalen Medien tappten in eine gefährliche Perzeptionsfalle, denn aus westeuropäischer Sicht ging es vor allem darum, die Meinungsfreiheit prinzipiell zu verteidigen. Man dürfe sich auch über die Religion der Muslime lustig machen, so rechtfertigten viele westliche Medien die Publikation der umstrittenen Karikaturen.

Aus muslimischer Sicht wurde schnell deutlich, dass viele die Bilder als sehr beleidigend und kränkend empfanden, da die Person des Propheten Mohammed in ihrer Religion einen herausragenden Stellenwert genießt.

Durch ihre fast ausschließliche Orientierung am jeweils eigenen kulturellen Kontext haben Medien in Ost und West allzu schnell eine einseitige Bewertung vorgenommen – und somit zur Verschärfung dieses vermeidbaren interkulturellen Konflikts beigetragen.

Aus diesen Fehlern scheint der Großteil international präsenter Medien gelernt zu haben: Nur drei Jahre nach dem medialen Super-Gau haben sie weitgehend sachlich und differenziert über den anti-islamischen Film „Fitna“ des niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders berichtet. Sie haben ihrem Publikum vor allem den politischen Kontext in den Niederlanden erklärt und auf die von Wilders kalkulierte politische Provokation dezidiert hingewiesen. Deshalb erregte dieser Film – obwohl im Vergleich zu den Mohammed-Karikaturen wesentlich radikaler und populistischer – nicht annähernd ähnliche Reaktionen.

Eine einmalige Chance

Der Tod des Al-Kaida-Chefs Osama Bin Laden bietet gegenwärtig eine historische Chance, die Ära der Konfrontation und des simplen Dualismus zwischen dem „Westen“ und der „Islamischen Welt“ ad acta zu legen. Hinzu kommt, dass der Arabische Frühling zu einer merklichen Annährung zwischen westlichen und arabischen Medien führte, da beide die arabischen Demokratiebewegungen grundsätzlich wohlwollend begleiten.

Diese relative Entspannung im makropolitischen Kontext darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass gemeinsame Standards und verbindliche ethische Normen für die Berichterstattung in Krisensituationen unabdingbar bleiben. Insbesondere arabischen Medien dürften verbildlichen Leitlinien zugutekommen. Denn hier kann eine professionelle Medienkultur als Korrektiv für ein nicht ausreichend funktionierendes Mediensystem fungieren.

Diese internationalen Standards sollten Medienschaffende selbst entwickeln. So können sie die (trans)-kulturelle Sensibilisierung der Medienmacher stärken und eine größtmögliche Akzeptanz gewährleisten. Deshalb wäre es wünschenswert, wenn nachhaltige Kooperationen zwischen westlichen und muslimischen Medien vor allem in den Bereichen praktische Weiterbildungsprojekte und wissenschaftlicher Austausch stärker gefördert und institutionalisiert würden.

Loay Mudhoon

© Loay Mudhoon/ Qantara.de 2011

 

 

Der große übersetzter und Literaturvermittler Fuad Rifka ist gestorben


Der große übersetzter und Literaturvermittler Fuad Rifka ist gestorben

"Jede Kultur hat ihre eigene Identität. Aber das soll nicht bedeuten, dass keine Kommunikation zwischen den einzelnen existiert", sagte Fuad Rifka.

Am vergangenen Samstag ist der 1930 in Syrien geborene Dichter und Übersetzer von Hölderlin, Rilke, Trakl und zahlreichen weiteren deutschen Lyrikern ins Arabische im Libanon verstorben. 1965 in Tübingen über Heideggers Ästhetik promoviert, lehrte er seit 1966 Philosophie in Beirut an der American University.

Für seine Übertragungen deutscher Dichtung ins Arabische wurde Fuad Rifka 2001 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, deren korrespondierendes Mitglied er war, mit dem Friedrich-Gundolf-Preis ausgezeichnet. Von der Bundesrepublik wurde Rifka 2005 mit dem Verdienstorden (Bundesverdienstkreuz) und 2010 mit der Goethe-Medaille ausgezeichnet.

Seine eigenen Gedichte sind auf Deutsch zuletzt in den Bänden „Das Tal der Rituale“ 2002 im Verlag Straelener Manuskripte und „Die Reihe der Tage einziger Tag“ 2007 im Verlag Hans Schiler erschienen.

Wir trauern um einen herausragenden Dichter, Mittler zwischen den Kulturen und sehr guten Freund.

Beiträge über Fuad Rifka: Der Advokat poetischer Achtsamkeit

Im Alter von 80 Jahren ist am vergangenen Samstag der bekannte libanesische Dichter Fuad Rifka gestorben. Zusammen mit Adonis und Mahmud Darwish zählte er zu den großen Erneuerern der arabischen Lyrik, hatte in seiner Generation jedoch bis zuletzt eine Sonderstellung inne. Mehr 

Interview mit Fuad Rifka
Im deutschen Denken zuhause
Der syrisch-libanesische Dichter und Denker Fuad Rifka arbeitet zurzeit an einer neuen zweisprachigen Anthologie deutscher Lyrik in Berlin. Youssef Hijazi sprach mit ihm über seine Liebe zur deutschen Kultur und über die Schwierigkeiten des Übersetzens.

www
Fuad Rifka beim Goethe Institut
Professor Fuad Rifka wurde 1930 in Syrien geboren. Als Kind ging er mit seiner Familie nach Libanon, wo er aufgewachsen ist. Er studierte in Beirut Philosophie und promovierte in Tübingen über die Ästhetik bei Heidegger. Auf Deutsch liegt von ihm das zweisprachige Gedichtband „Die Reihe der Tage Ein einziger Tag“ (2006 Hans Schiler Verlag). „Das Tal der Rituale“, Gedichte, arabisch-deutsch (2002, Straelener Manuskripte-Verlag. „Geschichte eines Indianers“ (1994, Heiderhoff). „Tagebuch eines Holzsammlers“, Gedichte (1990, Heiderhoff). Rifka erhielt er im Herbst 2001 den Friedrich-Gundolf-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Ibn Rushd Preis 2011 für arabische Journalistin ausgeschrieben (Nominierungsfrist bis 22.05.2011 verlängert)


Der Ibn Rushd Fund 2011 wird ausgeschrieben für

Eine Journalistin,
die sich aktiv für das freie Denken in der arabischen Welt einsetzt

Die arabische Welt hat sich auf den Weg zur Freiheit gemacht. Unabhängig und unnachgiebig fordern die arabischen Völker Autonomie und Selbstbestimmung von jenen, die jahrzehntelang autoritär über sie geherrscht haben. Nicht nur jene Herrscher wurden überrascht von der Beharrlichkeit und dem Mut der Protestierenden, sondern Regierungen und Menschen rund um die Welt. Der ‚Arabische Frühling‘ – wie man die Bewegung in Anlehnung an den Prager Frühling von 1968 nennt – wird von den Medien weltweit beobachtet und kommentiert. Es sind Journalisten und Journalistinnen, die mitten im Geschehen stehen und uns verantwortungsvoll und kompetent die Gedanken, Hoffnungen und vor allem die Sehnsucht nach Freiheit der Menschen in den Straßen der arabischen Städte vermitteln.

In den vordersten Reihen der Bewegung für Freies Denken, freie Meinungsäußerung und Demokratie in den arabischen Ländern stehen viele Frauen. In dieser turbulenten Zeit vertrauen wir den Worten von Journalistinnen, ihren Berichte, Kommentaren und Analysen. Worte haben eine zweifache Macht: sie ändern die Welt, die sie erklären. Die von Frauen haben eine eigene und ausgeprägte Kraft und Fähigkeit, die Sorgen und Nöte ihrer Gesellschaft darzustellen, die ihnen allzu oft nur eine untergeordnete Position zuweist.

In vielen arabischen Staaten riskieren Journalistinnen physische und psychische Verletzungen, politische Verfolgung und Inhaftierung. Als Frauen, die ihre Meinung sagen, sind sie oft zusätzlicher Ächtung ausgesetzt, da die Gesellschaft ihnen nicht zubilligt, aktiv am öffentlichen Diskurs teilzunehmen. Es ist an der Zeit, die harte Arbeit und den Mut von Frauen im Journalismus zu würdigen.

Es ist das Ziel des Ibn Rushd Fund, die Besonderheit und individuelle Verantwortlichkeit herauszustellen, die Journalistinnen ihrer Arbeit entgegenbringen; was sie leisten, ist mehr als bloße Berichterstattung. Die weibliche Perspektive in ihren Analysen und ihre Kritik an den politischen und sozialen Bedingungen trägt entschieden zu den aktuellen Veränderungen in den arabischen Ländern bei.

Der Ibn Rushd Preis 2011 ist ausgeschrieben für eine Journalistin, die sich engagiert und unerschrocken für Freies Denken und Meinungsfreiheit in der arabischen Welt einsetzt.

Weltweit jede und jeder an unserer Arbeit Interessierte kann eine Kandidatin vorschlagen. Bitte beachten Sie, dass Eigennominierungen nicht zulässig sind. Kandidatinnen müssen Vollzeit-, Teilzeit- oder freiberufliche Journalistinnen sein, die derzeit in den Print-, Rundfunk- und Telemedien oder in den Online Medien arbeiten. Der Wirkungskreis der Kandidatinnen sollte unmittelbar in der arabischen Welt liegen.

Eine unabhängige Jury von Expertinnen und Experten wird aus den eingehenden Nominierungen die Gewinnerin des Ibn Rushd Preises 2011 auswählen.

Die Bedeutung der Teilhabe von Frauen an der Entwicklung der arabischen Welt hat merklich zugenommen. Um dieser Entwicklung Rechnung zu tragen, hat der Ibn Rushd Fund beschlossen, in Zukunft den Anteil der Frauen unter den Gewinnern des jährlich vergebenen Preises zu erhöhen.

Bitte senden Sie Ihren Vorschlag schriftlich per Brief, E-Mail oder Fax an unsere unten angegebene Adresse. Legen Sie eine Begründung und, sofern bekannt, einen kurzen Lebenslauf der Kandidatin bei. Kandidatinnen können bis zum 22. Mai 2011 nominiert werden. Nominierungen können auf Arabisch, Deutsch, Französisch oder Englisch verfasst werden.

Das Preisgeld des in erster Linie symbolischen Preises beträgt 2500,- Euro. Finanziert wird der Preis ausschließlich von Beiträgen und Spenden der Mitglieder des Ibn Rushd Funds.

Bisherige Gewinner/innen des Preises http://www.ibn-rushd.org/typo3/cms/de/awards/index/.

Die Preisträgerin wird der Öffentlichkeit in einem Festakt Ende November in Berlin vorgestellt.

Bitte nutzen Sie für Ihre Nominierung das Formular auf unserer Webseite

Ibn Rushd Fund for Freedom of Thought

Erich-Weinert-Str. 17

10439 Berlin

Germany

Tel. +49 (0) 30 32664-721

Fax +49 (0) 30 32664-722

Web: www.ibn-rushd.org

E-Mail: nomination@ibn-rushd.org

Perspektiven für Nahost und Nordafrika- ifa liefert Hintergründe und Impulse


Perspektiven für Nahost und Nordafrika

ifa-Informationsplattform liefert Hintergründe und gibt Impulse zum Mittelmeerraum als Kultur- und Wissensraum

Stuttgart, 11. März 2011 – Wo es um gesellschaftliche Umwälzungsprozesse und den Entwurf neuer Gesellschaftsstrukturen geht, kommt der Außenkulturpolitik eine tragende Rolle zu. Angesichts der politischen Umbrüche in Nahost und Nordafrika erhält die aktuelle Studie der ifa-Edition Kultur und Außenpolitik „Der Mittelmeerraum als Kultur- und Wissensraum“ gesteigerte Relevanz. Sowohl die Studie als auch ein neues, umfassendes Online-Informationsangebot des ifa-Kompetenzzentrums für Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik zu den Kultur- und Wissenschaftsbeziehungen in der Mittelmeerregion mit aktuellen Meldungen, Auswahlbibliografien, Informationen zu Akteuren und Projekten, zu ifa-Aktivitäten sowie ausgewählter Literatur liefern ein differenziertes Hintergrundwissen.

Der Mittelmeerraum besitzt für Europa und die arabische Welt eine einzigartige Bedeutung: Das gemeinsame kulturelle Erbe sowie die geografische und geopolitische Nähe der Anrainer bergen ein ungeheures Potenzial für die Begegnung, den Dialog und die wechselseitige Wissensgenerierung. In der im Rahmen des Stipendienprogramms „Kultur und Außenpolitik“ entstandenen Studie zeigt der Autor Marcel Ernst Defizite, aber auch Entwicklungsmöglichkeiten für die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik im Mittelmeerraum und speziell im Maghreb auf. Darüber hinaus legt er Handlungsempfehlungen für die künftige Gestaltung der Außenkulturbeziehungen Deutschlands zu den Ländern der Region vor. Bislang fehle eine stringente Kulturpolitik, die sich direkt an die Zivilgesellschaft richte. Die „Schlüsselrolle von Medien und Kunst sollte daher auch in Projekten der Kultur- und Bildungsarbeit im Mittelmeerraum berücksichtigt werden“.

Neben der aktuellen Informationsplattform geben weitere Projekte und Initiativen des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) Impulse für die künftige Gestaltung der Kulturbeziehungen zwischen Europa und den südlichen und östlichen Mittelmeerländern:

Das ifa-Förderprogramm CrossCulture ermöglicht jungen Berufstätigen aus Deutschland, Nordafrika und Nahost Arbeitserfahrungen im jeweils anderen Kulturkreis zu sammeln. Ziel ist es dabei, als Multiplikatoren für den Dialog zwischen Deutschland und der islamisch geprägten Welt einzutreten.

In der Arbeitsgruppe „Mittelmeer“ des Wissenschaftlichen Initiativkreises Kultur und Außenpolitik am ifa (WIKA) arbeiten Wissenschaftler und außenkulturpolitische Akteure gemeinsam an der Weiterentwicklung von Theorie und Praxis Auswärtiger Kultur- und Bildungsarbeit im Mittelmeerraum. Einen Schwerpunkt bildet die wissenschaftlich fundierte Erarbeitung politikrelevanter Themen.

Die 2010 auf Initiative des ifa-Generalsekretärs Ronald Grätz und des Karlsruher Professors Dr. Bernd Thum gegründete Stiftung „Wissensraum Europa – Mittelmeer e. V.“ (WEM) schafft über nationale Grenzen hinweg eine gemeinsame kulturelle Wissensbasis und eröffnet neue Perspektiven für ein euro-mediterranes Wissenschaftsnetzwerk.

Die neue Sonderpresseschau „Kulturbrücke über das Mittelmeer“ informiert aktuell über die Kultur-, Wissenschafts- und Bildungsbeziehungen mit der arabischen Welt vor dem Hintergrund der politischen Umwälzungen in Nordafrika und Nahost.

Das Onlineportal qantara.de bietet umfangreiche Informationen, Artikel und Dossiers zu den Beziehungen zwischen der islamischen und der westlichen Welt. Das Projekt der Deutschen Welle wird unter anderem vom ifa unterstützt.

Das vom ifa herausgegebene Online-Kunstmagazin Nafas bietet eine Plattform für den innerislamischen Kunstdialog. Dem künstlerischen Dialog übergeordnet, ermöglicht Nafas auch den Austausch und die Diskussion gesellschaftlicher Themen und Entwicklungstrends.

Die Anna-Lindh-Stiftung bringt Menschen aus den Ländern rund um das Mittelmeer zusammen, um den Respekt vor der Kultur des jeweils anderen zu fördern und ein tieferes Verständnis füreinander zu schaffen. Das aus 3000 zivilgesellschaftlichen Organisationen bestehende Netzwerk, dessen Mitglied auch das ifa ist, organisiert zahlreiche Treffen und Workshops mit Akteuren aus dem gesamten Mittelmeerraum.

Veranstaltungshinweis:

Podiumsdiskussion „Wissensraum Europa – Mittelmeer“
Vom 3. bis 5. April findet die Jahrestagung des deutschen Netzwerks der Anna-Lindh-Stiftung im ifa statt. Im Rahmen des Netzwerktreffens und der bundesweiten Veranstaltungsreihe „Mittelmeer vor Ort“ des deutschen Netzwerks der Anna-Lindh-Stiftung diskutieren am 4. April im ifa-Vortragssaal Prof. Dr. Fawzi Boubia (Universität Rabat) und Prof. Dr. Bernd Thum den „Wissensraum Europa – Mittelmeer“. Die Podiumsdiskussion thematisiert die Möglichkeiten von Kultur und Bildung als Politik der Zivilgesellschaft im euro-mediterranen Raum. Weitere Infos zur Veranstaltung

Über das ifa
Das Institut für Auslandsbeziehungen e. V. (ifa) engagiert sich weltweit für Kunstaustausch, den Dialog der Zivilgesellschaften und die Vermittlung außenkulturpolitischer Informationen. Das ifa ist die älteste deutsche Mittlerorganisation für Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik und wird vom Auswärtigen Amt, dem Land Baden-Württemberg und der Landeshauptstadt Stuttgart gefördert.

Pressekontakt
Anna Siepelmeyer, Institut für Auslandsbeziehungen (ifa), Charlottenplatz 17, 70173 Stuttgart, Tel. 0711-22 25 212, Fax 0711-22 25 131, E-Mail: siepelmeyer@ifa.de, www.ifa.de

 

Internationale Qantara-Konferenz zur Rolle der Medien im interkulturellen Dialog im Auswärtigen Amt in Berlin: Unruhestifter oder Vermittler?


Internationale Qantara-Konferenz zur Rolle der Medien im interkulturellen Dialog im Auswärtigen Amt in Berlin: Unruhestifter oder Vermittler?

Unruhestifter oder Vermittler?": (v.l.) Abdelbari Atwan, Volker Perthes und Michael Slackman diskutierten kontrovers über die Rolle der Medien im interkulturellen Dialog

Glaubwürdigkeit als Schlüssel zum Dialog

Berlin – Wie berichten wir über den Islam? Wie erreichen wir hohe Glaubwürdigkeit als Vermittler zwischen den Kulturen? 300 Experten und Medienmacher aus Europa und islamischen Ländern suchten auf der internationalen Qantara-Konferenz in Berlin nach Antworten.

Die Rolle der Medien im Dialog der Kulturen war Thema der internationalen Konferenz am Montag und Dienstag, 25. und 26. Oktober, im Auswärtigen Amt. Die Experten und Medienmacher diskutierten über journalistische Verantwortung in Krisensituationen und über das Web 2.0 als Herausforderung für den Qualitätsjournalismus und den interkulturellen Dialog. Zur Tagung im Zeichen des Online-Portals Qantara.de hatten Deutsche Welle und Auswärtiges Amt eingeladen.

Der Sonderbeauftragte der Bundesregierung für den Dialog zwischen den Kulturen, Botschafter Heinrich Kreft, eröffnete die Konferenz. Programmdirektor der Deutschen Wwelle Christian Gramsch sagte in seinem Impulsreferat unter anderem „Nichts fördert das gegenseitige Verständnis besser als eine professionelle Recherche und eine verantwortungsvolle Darstellung – und als Vermittler zwischen den Kulturen benötigen die Medien vor allem eines: eine hohe Glaubwürdigkeit durch verlässliche und nachprüfbare Qualitätsstandards. Das Portal Qantara.de, das wir gemeinsam mit unseren Partnern betreiben, kann dabei ein Vorbild sein.“

Volker Perthes, Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik, moderierte eine Debatte zwischen Abdelbari Atwan, Chefredakteur von Al-Quds Al Arabi, und Michael Slackman, Bürochef der New York Times in Berlin. Es ging um die gegenseitige Wahrnehmung und den Einfluss der in den Medien übermittelten Bilder. Eine Polemik von Abdelbari Atwan löste eine kontroverse Debatte aus: „Wenn Farbige diffamiert werden, ist es Rassismus; wenn Juden diffamiert werden, ist es Antisemitismus; und wenn Muslime diffamiert werden – dann ist das Pressefreiheit?!“

Michael Slackman verwies demgegenüber auf Defizite bei der Pressefreiheit in der arabischen Welt und betonte, dass hier nach Ländern differenziert werden müsse. Skeptisch zeigte er sich gegenüber der Idee eines „globalen Pressekodex“: „Ein solcher Kodex könnte zu massiven Einschränkungen der Pressefreiheit führen, insbesondere in vielen autoritär regierten Staaten“

„Teufelskreises der Provokation“

Internationale Qantara-Konferenz zur Rolle der Medien im interkulturellen Dialog im Auswärtigen Amt in Berlin

In weiteren Panels diskutierten die Teilnehmer über globale Standards und die Anforderungen, die die Entgrenzung der Medien an die Spielregeln journalistischer Arbeit stellt. Insbesondere der hohe Aktualitätsdruck wurde von vielen Medienmachern als großes Problem dargestellt. Gerade bei komplexen Themen seien Einordnung und Analyse zwar nötig, doch komme diese faktisch oft zu kurz – erklärte Yassin Musharbash von Spiegel Online: „Natürlich verkaufen sich brandaktuelle Themen besser, aber zugleich sehe ich immer wieder, wie groß die Nachfrage nach Backgrounds ist. Ich glaube, die Leser wollen das!“

Ute Schaeffer, Leiterin der Afrika- und Nahostprogramme der Deutschen Welle, warf einen kritischen Blick auf die Berichterstattung europäischer Medien über die islamische Welt und die Integrationsdebatten in Europa. Sie mahnte mehr Professionalität und Sensibilität an: „Die Art, wie wir mit dem Thema Muslime oder Integration der Muslime umgehen, ist ein großer Test dafür, wie ernst wir es mit journalistischen Standards nehmen. Wenn wir das in Zukunft nicht besser machen, dann stacheln wir die öffentliche Diskussion an – und die Medien machen sich zum Teil eines Teufelskreises der Provokation“.

Web 2.0 und Qualitätsjournalismus

Einigkeit herrschte darüber, dass Blogs und andere Formate eines „Bürgerjournalismus“ via Facebook, Twitter und Co inbesondere in Ländern mit autoritären Regimes unverzichtbar seien. Sie transportierten – wie im Fall des Iran – genau jene Themen, die in den staatlichen Medien unterdrückt würden. Ein Ende des Qualitätsjournalismus sei durch individualisierte Formen der Berichterstattung in sozialen Netzwerken nicht zu befürchten, meinte die iranische Bloggerin Farnaz Seifi: „Ich denke, beides ergänzt sich und ergibt ein Ganzes.“

© Deutsche Welle  2010

Berichte von der internationalen Qantara-Konferenz:

Arabische Medien: Zwischen Pressezensur und Stereotypen
Nutzen und Gefahr der Neuen Medien – Web 2.0 im Nahen Osten

Offen und kritisch: der Deutsch-arabische Mediendialog

Internationale Mediendialoge des Auswärtigen Amts: Über Grenzen hinweg

Pressemitteilung des Auswärtigen Amtes vom 22.10.2010 Fünftes Focal Point Meeting der VN-Initiative Allianz der Zivilisationen