Tunesien

Sozialen Proteste in Nordafrika: Korrupte Eliten ohne Volk


Sozialen Proteste in Nordafrika: Korrupte Eliten ohne Volk

Die anhaltenden Proteste in Nordafrika offenbaren das Ausmaß staatlichen Versagens. Noch nie war die Entfremdung zwischen korrupten Eliten und den sozialen Realitäten der normalen Bevölkerung so groß. Ein Kommentar von Loay Mudhoon.
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Trump und der Nahe Osten: Die Verführung der Despoten


Trump und der Nahe Osten: Die Verführung der Despoten

Auch im Nahen Osten wird die Trump-Wahl als eine Zäsur gesehen. Viele befürchten eine Rückkehr zu einfachen Denkmustern, die seine Präsidentschaft zum Albtraum für die Region werden lässt, schreibt Nahost-Experte Loay Mudhoon in seinem Kommentar.
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Nahost-Experte Loay Mudhoon über Folgen der Arabellion: „Am liebsten Friedhofsruhe in der arabischen Welt“


Nahost-Experte Loay Mudhoon über Folgen der Arabellion: „Am liebsten Friedhofsruhe in der arabischen Welt“

Demokratie nach der Arabellion: Ölreiche Länder werden häufig autoritär regiert. Für die Förderung werden nicht viele Menschen gebraucht. Deshalb kann, wer die Macht hat, diesen Bodenschatz ausbeuten, ohne sich sonderlich um die Bedürfnisse der Bevölkerung zu kümmern. Dass es in der arabischen Welt besonders viel Öl, aber auch besonders repressive Regime gibt, ist kein Zufall, sagt der auf die Region spezialisierte Journalist Loay Mudhoon, und das wirkt sich auch auf aktuelle Konflikte in Syrien und Irak aus.

Leidet die gesamte arabische Welt am Ölfluch?
Loay Mudhoon: Ja, es fällt auf, dass alle ölreichen Länder der arabischen Welt lange entweder von säkularen Diktatoren oder absoluten Monarchen regiert wurden. Der Ölreichtum blockiert eine humane und demokratische Einwicklung. Dort, wo es kein Öl gibt, sieht es leider kaum besser aus. Dort gibt es aber auch weniger Entwicklungschancen. Ökonomisch hängen die Länder ohne Öl von den Petrodollars der Nachbarn ab. Das läuft unter anderem über direkte staatliche Unterstützung, Geldtransfers an Verwandte und Migration.

US-Präsident George W. Bush versprach 2003, die Region werde demokratisch erblühen, wenn Iraks Diktator Saddam Hussein falle.
Das war ein gewaltiger Irrtum. Heute sieht jeder, wohin die völkerrechtswidrige Invasion geführt hat. Demokratie lässt sich nicht von außen mit Waffen erzwingen.

Aber auch der arabische Frühling scheint gescheitert – mit der Ausnahme Tunesiens vielleicht, wo die Demokratie noch möglich ist. Warum haben die Aufstände den Monarchen weniger angehabt als den Diktatoren?
Die erste Welle der Arabellion ist gescheitert. Das hat mehrere Dimensionen:

  • Königsfamilien haben etwas mehr Legitimität als Diktatoren von Republiken. Sie sind institutionell besser verankert. Sie stützen ihre Macht nicht nur auf das Militär, sondern auch auf tribale Zugehörigkeit. Sie haben, anders als die Diktatoren, auch keine umfassende Modernisierung versprochen.
  • Die Monarchien, die Öl ausführen, haben einen Teil ihres Reichtums umverteilt. In manchen Golfstaaten ist die heimische Bevölkerung recht wohlhabend.

Die eigentliche Ursache der Arabellion war der Jugend-Tsunami: die große Zahl junger Leute, die im Vergleich zu früheren Generationen gut ausgebildet sind, die dank Internet und Satellitenfernsehen wissen, wie es anderswo zugeht, und die für sich selbst keine Zukunft sehen. Die wirtschaftliche Lage ist in Tunesien und Ägypten verzweifelter als in Saudi-Arabien oder Katar.
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Kommentar: Vorbild Tunesien – Meilenstein auf dem Weg zur Etablierung einer arabischen Demokratie


Kommentar: Vorbild Tunesien – Meilenstein auf dem Weg zur Etablierung einer arabischen Demokratie

Die Wahl des Politikveterans Béji Caïd Essebsi zum ersten demokratisch gewählten Präsidenten Tunesiens stellt einen wichtigen Meilenstein auf dem Weg zur Etablierung einer echten arabischen Demokratie dar. Ein Kommentar von Loay Mudhoon.

Keine Frage: Die Wahl des früheren Regierungschefs Béji Caïd Essebsi zum ersten demokratisch gewählten Präsidenten in der Geschichte Tunesiens ist ein historisches Ereignis – nicht nur für das kleine Land in der Mitte Nordafrikas, sondern auch für alle arabischen Umbruchstaaten. Und das in mehrfacher Hinsicht.

Denn diese erfolgreiche und erstaunlich friedlich verlaufene Wahl markiert den Abschluss eines schwierigen demokratischen Übergangsprozesses im Mutterland der Arabellion.

Zugleich bestätigt sie die Vorreiterrolle, die Tunesien automatisch zuteil geworden ist in einer Region, die geprägt ist von postrevolutionärem Chaos, von Staatszerfall und von den Reformblockaden der unfähigen und autoritär regierenden Eliten.
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Kommentar: Grabenkämpfe bedrohen demokratischen Wandel in Tunesien


Kommentar: Grabenkämpfe bedrohen demokratischen Wandel in Tunesien

Trauernde geleiten den Leichnam Chokri Belaids zur Rechtsmedizin_foto_sarah Mrsch

Der kaltblütige Mord an Oppositionspolitiker Chokri Belaïd verschärft die Polarisierung in Tunesien. Doch ohne ein Ende der ideologischen Grabenkämpfe kann der demokratische Übergangsprozess nicht gelingen. Ein Kommentar von Loay Mudhoon.

Eigentlich besitzt Tunesien, das Mutterland der Arabellion, von allen postrevolutionären arabischen Staaten die besten Voraussetzungen für einen erfolgreichen Weg in Richtung Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Denn das kleine Land in der Mitte Nordafrikas hat eine relativ starke Zivilgesellschaft, eine selbstbewusste Frauenbewegung, ein gutes Bildungssystem und eine gut funktionierende Verwaltung. Zudem trat bislang das Militär als politischer Faktor kaum in Erscheinung.

Der Wandel begann vielversprechend nach dem Ende der Diktatur Ben Alis – und mit einem klaren Fahrplan: Nach den ersten demokratischen Wahlen zur Verfassungsgebenden Versammlung in der Geschichte des Landes am 24. Oktober 2011 einigten sich die Wahlsieger überraschend schnell auf die Bildung einer Koalitionsregierung und die Aufteilung der wichtigsten Staatsämter. Die Troika-Koalition, bestehend aus der moderat-islamistischen Ennahda-Partei, der sozialistischen Partei CPR (Kongress für die Republik) und der sozialdemokratischen Partei Ettakatol, demonstrierte ihren Willen zur Zusammenarbeit. Tunesiens Demokratisierung schien auf einem guten Weg zu sein.
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(Neo)-Islamismus nach dem arabischen Frühling


Internationales Kolloquium: Islamismus im Wandel

Die überraschenden gesellschaftlichen Umbrüche im arabischen Raum besiegelten bislang das Ende von vier despotischen Regimen und schufen Möglichkeiten für neue politischeKonstellationen. Eine nichtideologisierte Jugend erhob sich 2010/2011 auf den Straßen von Tunis, Kairo und andernorts, um bessere Lebensbedingungen, Demokratie, Freiheit und Schutz der Menschwürde zu fordern. Die von diesen jungen Menschen in Gang gesetzten demokratischen Transformationsprozesse bescherten jedoch Islamisten historische Wahlsiege und politische Vitalität.

Islamisten verstehen den Islam als umfassendes gesellschaftspolitisches Programm, das alle Aspekte individuellen Lebens und kollektiver Ordnung durchdringt und als Weltanschauung mit Ideologien westlicher Herkunft konkurrieren soll. Diese Weltanschauung wurde aus europäischer Perspektive stets als Bedrohung für die demokratischen Errungenschaften hiesiger Gesellschaften wahrgenommen.
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Bildung in der arabischen Welt: Kein arabischer Frühling in der Bildung


Bildung in der arabischen Welt: Kein arabischer Frühling in der Bildung

An den Aufständen in der arabischen Welt haben sich vor allem junge Menschen beteiligt. Mit gutem Grund. Denn sie haben kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Dabei sind viele besser ausgebildet als ihre Eltern. Von Loay Mudhoon.

Die Al-Mutanabbi-Straße in Bagdad ist heute wieder ein Paradies für Bücherfreunde. Foto: Munaf Al-Saidy

Den einen Arm in die Höhe gereckt und die Finger zur Faust geballt, in der anderen Hand das Diplom: Diese Bilder von protestierenden Hochschulabsolventen in Tunis und Kairo gingen um die Welt. Denn trotz ihrer hohen Qualifikation finden viele arabische Jung-Akademiker keinen Job. Dabei sind sie deutlich besser ausgebildet als ihre Eltern, haben jede Chance auf Bildung genutzt.

Die Arbeitslosigkeit der jungen Generation hat aber nicht nur Auswirkungen auf ihre persönliche finanzielle Situation. In den konservativen arabischen Gesellschaften ist eine Partnerschaft oder Familiengründung ohne festes Einkommen kaum möglich. Kein Wunder also, dass sich die Wut bei den jungen Akademikern in Protesten Luft gemacht hat. Verantwortlich für ihre Misere machen sie die Bildungs- und Wirtschaftspolitik der arabischen Regierungen in Nordafrika und Nahost.

Wirtschaftswachstum ohne Arbeitsplätze

Dabei haben die meisten arabischen Staaten in den letzten Jahren große Summen im Bildungsbereich investiert, und die Zahl der Universitätsabsolventen stieg rasant. Zudem verzeichneten arabische Volkswirtschaften hohe Wachstumsraten in den vergangenen zehn Jahren. Doch den Regierungen gelang es nicht, ihre Industrie und Investitionspolitik so auszurichten, dass qualifizierte Arbeitsplätze für einheimische Hochschulabsolventen entstehen konnten, wie das Beispiel Tunesien zeigt.

Die tunesische Wirtschaft ist in den letzten Jahren überdurchschnittlich gewachsen, blieb jedoch zu stark abhängig vom Textilien-Export nach Europa und vom Tourismus. Allerdings konnten und können gut qualifizierte Jung-Akademiker weder in der Textil- noch in Tourismusbranche entsprechende Jobs finden. Neben der eindimensionalen, meist staatlich gelenkten Wirtschaftspolitik erschweren Korruption, Misswirtschaft und die überbordende Bürokratie die Schaffung von qualifizierten Arbeitplätzen durch private Investoren und Dienstleister.

Fehlgeleitete Bildungskonzepte

Auch wenn die Regierungen in den vergangenen Jahren viel Geld in das arabische Hochschulwesen und die Schulen investierten, können sie noch lange keine Erfolge aufweisen. Bildungsexpertin Sabah Safi warnt deshalb schon seit Jahren vor einer „wachsenden Wissenskluft“, die die arabische Welt zu lähmen droht. Als Beleg für die mangelnde Qualität arabischer Universitäten führt Safi, die seit 25 Jahren an der König-Abdulaziz-Universität in Jeddah arbeitet, die Zahl der angemeldeten Patente an.

„Die Zahl der Patente, die aus der arabischen Welt angemeldet werden, ist im internationalen Vergleich erschreckend niedrig“, sagt sie. Während Südkorea alleine in den vergangenen Jahren mehr als 16.000 Patente angemeldet habe, seien alle arabischen Länder im gleichen Zeitraum zusammen auf weniger als 1000 Patentanmeldungen gekommen.

Veraltete Lernmethoden und fehlende Berufsorientierung

Die Ursachen für diesen Notstand liegen laut Safi in erster Linie in einem veralteten und überholten Schulsystem. Immer noch wird das aktive Denken in den staatlichen Schulen durch eine Kultur des Auswendiglernens blockiert, die von schlecht qualifizierten und bezahlten Lehrerinnen und Lehrern ausgeht. Diese überholte Lernmethodik führt dazu, dass „arabischen Universitätsabsolventen grundlegenden Kompetenzen fehlen und sie somit auf Dauer im internationalen Wettbewerb nicht bestehen können“, erklärte Safi kürzlich im saudischen Staatsfernsehen.

Trotz großer Erfolge bei der Alphabetisierung haben arabische Staaten es versäumt, das Schulwesen und die Berufsorientierung so zu reformieren, dass sie mit einer marktgerechten Beschäftigungspolitik harmonieren. Und auch deshalb existiert in vielen arabischen Ländern ein Überangebot an Naturwissenschaftlern, vor allem an Ärzten und Ingenieuren, während es an qualifizierten Journalisten, Soziologen und Politologen überall mangelt.

Kein arabischer Frühling an Schulen und Universitäten

Eine Bildungspolitik mit gravierenden Folgen, denn ausgerechnet jetzt, in Zeiten historischen Wandels, benötigen die arabischen Staaten besonders die Geisteswissenschaftler, um zivile staatliche Strukturen wie Parteien, Medien und Gewerkschaften aufzubauen. Um die arabische Welt aus ihrer passiven Konsumentenrolle zu befreien, ist es nach Ansicht internationaler Experten von zentraler Bedeutung, mehr Demokratie, Transparenz und Mitbestimmung von Schülern und Studenten zuzulassen.

Aber genau an dieser Stelle hinken Schulen und Universitäten am Golf und Nordafrika dem arabischen Frühling hinterher, meint Sonja Hegasy, Vizedirektorin des Zentrums Moderner Orient in Berlin. „Es ist ein großes Problem, dass die Mitbestimmung von Studenten und Schülern trotz der Umbrüche in der arabischen Welt vom alten Establishment mit allen Mitteln blockiert wird“, betont sie und nennt auch gleich ein prominentes Beispiel: „Selbst die Deutsche Universität in Kairo droht ihren Studenten, die sich organisieren wollen, mit Sanktionen.“

© Loay Mudhoon 2012

Bildung in der arabischen Welt: Zur Ware verkommen

Nach Ansicht der ägyptischen Medienwissenschaftlerin Hanan Badr ermöglicht allein Bildung den marginalisierten Bevölkerungsschichten einen breiteren Zugang zu den Ressourcen ihres Landes. Jedoch verkommt Bildung immer mehr zu einer qualitativ fragwürdigen Ware, zu der die Bevölkerungsmehrheit keine Alternative hat. Mehr…

Mehr zur Bildung in der arabischen Welt

Widerspenstige Säkularisierung: Abdelwahab Meddeb über den tunesischen Republikgründer Habib Bourguiba


Widerspenstige Säkularisierung: Abdelwahab Meddeb über den tunesischen Republikgründer Habib Bourguiba
BOURGUIBAS WIEDERKEHR  Tunesiens Geschichte, die Tabus des Glaubens und der Kampf für Freiheit

BOURGUIBAS WIEDERKEHR: Tunesiens Geschichte, die Tabus des Glaubens und der Kampf für Freiheit

Am Horizont der Hoffnungen, der sich mit der tunesischen Revolution auftat, sieht Abdelwahab Meddeb dunkle Wolken aufziehen. Er konstatiert Machteroberungsgelüste der islamischen Parteien und Verstöße gegen den Geist der Freiheit und sieht die demokratischen Rechte durch religiösen Beherrschungswillen bedroht. Die schwierige Gegenwart ist Anlass, zurückzublicken auf den ersten postkolonialen Staatspräsidenten Bourguiba, der politische Führungsfähigkeiten und intellektuelle Autorität vereinte.

Bourguiba war ein europäisch geprägter Intellektueller, der das Land modernisieren wollte und entscheidende Schritte zur Gleichberechtigung von Mann und Frau, zum Aufbau eines säkularen Bildungssystems, zur Geburtenkontrolle sowie zu einem Rechtsstaat unternommen hat – um damit die traditionale Gesellschaft in die demokratische Moderne zu führen.

Doch widerstand er nicht der Versuchung, sich zum Präsidenten auf Lebenszeit zu ernennen. In seinem vehementen Bestreben nach Säkularisierung machte er sich den politischen Islam zum Feind und verletzte die religiösen Empfindungen vieler.

Den ganzen Beitrag können Sie in der neuen Ausgane von „Lettre International“ (97 Sommer 2012) lesen. 

http://www.lettre.de

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Mehr Beiträge über Tunesien: 

Mohamed Talbi: „Reflektionen eines modernen Muslims“

Auf Nöldekes Spuren

Der tunesische Intellektuelle Mohamed Talbi gilt als einer der wichtigsten und kritischsten Vordenker der arabischen Welt. In seinem jüngst erschienen Buch geht er mit den traditionell islamischen Religionsgelehrten hart ins Gericht – und plädiert für eine zeitgemäße Leseart des Koran. Rachid Boutayeb stellt Mohamed Talbi und sein jüngstes Buch vor. Mehr

Tunesien nach der Wahl

Die “Ennahda“ und die Herausforderungen der Demokratie

Die islamische „Ennahda“ ist die große Gewinnerin der Wahlen in Tunesien. Aufgrund ihrer positiven innerparteilichen Entwicklung ist es vorstellbar, dass sie sich in ein pluralistisch-demokratisches System einfügen könnte, schreibt der tunesische Philosoph Jameleddine Ben Abdeljelil in seinem Kommentar. weiter »

Die Wut der Tunesier und Ägypter gegen ihre autokratischen Herrscher hat eine beispiellose Revolte in den arabischen Staaten ausgelöst. In unserem Dossier informieren wir über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe der Massenproteste. weiter

Gesellschaftliche Bewegungen im Polizeistaat  in Tunesien
Im Jahr 2010 soll Tunesien Teil einer Freihandelszone zwischen der EU und Nordafrika werden. Doch bis dahin wird das Land viele Arbeitsplätze einbüßen – und damit möglicherweise seine politische Stabilität. Bernhard Schmid mit Hintergründen

EU und Tunesien
Nordafrikas Despotie zu Diensten
Der tunesische Rechtsanwalt und Menschenrechtsaktivist Mokhtar Yahyaoui kritisiert die fragwürdige europäische Förderung des autoritären politischen Systems in Tunesien, das den Aufbau demokratischer und zivilgesellschaftlicher Strukturen blockiere.

Interview mit Hachem Saleh
„Wir sollten den Weg der religiösen Aufklärung gehen“
Die Muslime sollten in Zeiten moderner Wissenschaften eine neue Lesart des Korans vorlegen, die die Heilige Schrift auf ihre spirituelle Dimension beschränkt, meint der in Paris lebende syrische Denker Hachem Saleh im Interview.

Ein Jahr nach dem Arabischen Frühling: Arabische Welt braucht internationales Umdenken


Ein Jahr nach dem Arabischen Frühling: Arabische Welt braucht internationales Umdenken
 "Gläserne Wand der Angst zersprungen": Der Arabische Frühling ist ein Akt der Befreiung arabischer Völker von den diktatorischen Herrschaften so genannter „ postkolonialen Eliten“, die viel zu Lange von westlichen Mächten im Namen vermeintlicher Stabilität im Mittleren Osten hofiert wurden – auf Kosten der Menschenrechte und  der humanen Entwicklung ganzer Generationen“.

„Gläserne Wand der Angst zersprungen“: Der Arabische Frühling ist ein Akt der Befreiung arabischer Völker von den diktatorischen Herrschaften so genannter „ postkolonialen Eliten“, die viel zu Lange von westlichen Mächten im Namen vermeintlicher Stabilität im Mittleren Osten hofiert wurden – auf Kosten der Menschenrechte und der humanen Entwicklung ganzer Generationen“.

Deutschland unterstützt den Wandel in den postrevolutionären arabischen Staaten aktiv. Doch um der Tragweite der Umwälzungen gerecht zu werden, bedarf es einer neuen, europäischen Strategie, meint Loay Mudhoon.

Gewiss, Deutschland und Europa wurden vom Ausbruch des Arabischen Frühlings vor gut einem Jahr überrascht. Doch es ist nicht so, dass die deutsche Politik etwa vor Staunen über die plötzlichen Volksaufstände glatt vergaß zu helfen, wie einige Kritiker behaupten.

Denn die Bundesregierung unterstützt die Demokratisierngsprozesse in den arabischen Staaten im Rahmen der sogenannten Transformationspartnerschaften mit zahlreichen Hilfsprogrammen. An dieser grundsätzlichen Haltung hat sich trotz der deutschen Zurückhaltung während des libyschen Aufstandes nichts geändert.

Historische Umwälzungen als große Herausforderung

Natürlich sind sofortige Hilfsmaßnahmen und -angebote aus Deutschland und der EU notwendig, um die Grundversorgung der Menschen in Umbruchzeiten zu gewährleisten, vor allem angesichts der katastrophalen Infrastrukturen in diesen Ländern. Auch Hilfsangebote in zentralen Bereichen wie Gründung von neuen Parteien und Gewerkschaften und politischer Bildung sind unabdingbar, da sie die Grundlagen eines demokratischen und pluralistischen Rechtsstaats bilden.

Doch um der Bedeutung und der Tragweite dieser historischen Umwälzungen gerecht zu werden, bedarf es einer Neudefinition der Beziehungen Deutschlands mit dem Nahen Osten und Nordafrika – und einer neuen, gesamteuropäischen Nachbarschaftsstrategie.
Mehr Offenheit gegenüber neuen Akteuren

In Deutschland – und ebenso in Europa – ist eine intensive Diskussion über die Grundzüge einer künftigen Politik gegenüber diesen Umbruchstaaten erforderlich. Dies auch deshalb wichtig, weil die Mehrheit der Menschen hierzulande und anderswo in Europa der Entwicklung in der arabischen Welt mit Misstrauen oder gar Angst begegnet.
So ist es auch wichtig, dass Bundesaußenminister Guido Westerwelle kürzlich für genaues und differenziertes Hinschauen warb. Im Hinblick auf den Aufstieg islamischer und islamistischer Volksparteien in Tunesien, Marokko und Ägypten sagte er, dass eine islamische Orientierung nicht per se eine rückwärts gewandte, antimoderne, antidemokratische und unfreiheitliche Gesinnung bedeute. Diese Feststellung könnte den Grundstein für ein notwendiges Umdenken legen.

Neue Strategie erforderlich

Wenn die gewünschte transformatorische Wirkung deutscher und europäischer Hilfsangebote erreicht werden soll, dann muss die EU schnell die Lebensbedingungen der Menschen verbessern, Demokratie und Rechtstaatlichkeit fördern, Infrastruktur aufbauen und bei der Ausbildung junger Menschen helfen. Europa muss sich gegenüber den arabischen Transformationsstaaten öffnen und Abschied nehmen von den bisherigen, wenig erfolgreichen Kooperationsformen: der euro-mediterranen Partnerschaft EUROMED und der europäischen Nachbarschaftspolitik.
Diese Strategie sollte darauf abzielen, tief greifende Reformen in wirtschaftlichen und sozialen Bereichen, die sich an den Realitäten der Bevölkerung orientieren, zu fördern. Dazu gehört die Öffnung europäischer Märkte für Agrarprodukte aus der Region ebenso wie die – mittelfristig – die gesteuerte Zuwanderung von qualifizierten Arbeitskräften. Diese Maßnahmen können entscheidend zur Stabilisierung dieser Länder beitragen.
© Loay Mudhoon 2012

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Die zweite Renaissance der Araber

Die Demokratiebewegung von 2011 ist nicht der erste derartige Aufschwung, der die arabische Welt ergreift. Und sie trägt auch die Hoffnungen weiter, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert mit der „Nahda“, der arabischen Renaissance, verbunden waren. Von Jean-Pierre Filiu weiter »

Arabischer Frühling: Die skeptische Generation

Jasminrevolution in Tunesien: Einzelfall oder erster Dominostein?


Jasminrevolution in Tunesien: Einzelfall oder erster Dominostein?
"Raus mit der RCD! Raus mit der Partei der Diktatur!" - auch nach dem Sturz Ben Alis ist der Widerstand gegen das politische Umfeld des früheren Präsidenten ungebrochen.

„Raus mit der RCD! Raus mit der Partei der Diktatur!“ – auch nach dem Sturz Ben Alis ist der Widerstand gegen das politische Umfeld des früheren Präsidenten ungebrochen.

Nach dem Sturz des tunesischen Präsidenten und angesichts der Unruhen in Ägypten stellt sich die Frage weiterer Dominoeffekte. Perspektivlosigkeit der Jugend, soziale Ungerechtigkeit und politische Repression – Ursachen der Proteste in Tunesien – sind Probleme in nahezu allen arabischen Staaten. Und Demonstrationen gegen die Regime haben sich von Algier bis Sanaa verstärkt. Dennoch dürfte sich das tunesische Szenario so nicht wiederholen: zu verschieden sind die politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Viel wird davon abhängen, ob Tunesien sich erfolgreich transformiert und wie sich die Situation in Ägypten entwickelt. Bereits jetzt haben die Entwicklungen gelehrt: Stabilität kann trügerisch sein, und Diktatoren garantieren keine nachhaltige Stabilität. Die EU sollte ihre wohlwollende Politik gegenüber den autoritären Herrschern im Mittelmeerraum überdenken.

SWP-Aktuell 2011/A 04, Januar 2011, von Muriel Asseburg, Isabelle Werenfels

http://www.swp-berlin.org/fileadmin/contents/products/aktuell/2011A04_ass_wrf_ks.pdf

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Mehr zur Jasmin-Revolution in Tunesien:

Sturz Präsident Ben Alis in Tunesien
Jasminduft und Pulverdampf
Am Anfang stand die Revolte einer vernachlässigten und perspektivlosen jungen Generation. Doch innerhalb kürzester Zeit ist daraus eine beeindruckende und machtvolle Bewegung geworden, die den Autokraten Ben Ali hinweggefegt hat. Von Beat Stauffer

Schwere Unruhen in Tunesien
Mildernde Umstände für den Diktator
Für Europa sind die Vorgänge auf der südlichen Seite des Mittelmeers peinlich. Jeder Verantwortliche weiß, dass Tunesien ein Polizeistaat ist. Doch für Präsident Ben Ali sprachen aus europäischer Sicht bisher mildernde Umstände. Von Rudolph Chimelli

Interview mit Sihem Bensedrine
„Die EU ist Komplize des Regimes“
Beim Volksaufstand in Tunesien geht es nicht allein um die wirtschaftliche Lage, sondern ebenso um Bürgerrechte und Würde, meint die tunesische Oppositionelle Sihem Bensedrine. Mit ihr hat sich Reiner Wandler unterhalten.

Die „Arabische Krankheit“ und die Theorie des ‚Neo-Patriarchismus‘


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Lizenz zur Unterdrückung

Was ist los mit den arabischen Gesellschaften? Warum gelingt es ihnen nicht, demokratische Regierungen zu installieren? Diese Frage hat der britische Journalist Brian Whitaker in seinem Buch „What’s Really Wrong with the Middle East“ untersucht. Seine Antwort, so Rezensent James M. Dorsey: Nicht nur die Regierungen, die Gesellschaften selbst sind repressiv. „Um dieses Phänomen zu beschreiben, bedient sich Whitaker der Theorie des Neo-Patriarchismus‚ des aus Palästina stammenden US-Historikers Hisham Sharabi.

In einem kontrovers diskutierten, in vielen arabischen Ländern bis heute verbotenen Buch aus den 1980er Jahren, konstatiert Sharabi, dass die arabische Gesellschaft um die ‚Dominanz des Vaters (Patriarchen)‘ aufgebaut sei: Dieser bildet ‚das Zentrum der nationalen wie der natürlichen Familie. So existieren zwischen dem Herrscher und den Beherrschten, zwischen Vater und Sohn einzig vertikale Beziehungen: in beiden Verhältnissen ist der väterliche Wille absolut‚.“

Brian Whitaker: „Was läuft wirklich falsch im Nahen Osten“

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In seinem neuesten Buch analysiert der britische Journalist Brian Whitaker das, was man auch als „arabische Krankheit“ bezeichnet. Er glaubt, dass die repressiven Reflexe der arabischen Regime bereits so verinnerlicht sind, dass sie die gesamten Gesellschaften durchdringen. Mehrlesen…

Nahostpolitik der EU und der USA
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Der Wahlsieg der Hardliner im Iran und die fehlende Bereitschaft der israelischen Regierung zu ernsthaften Zugeständnissen an die Palästinenser bedeuten einen klaren Rückschlag für Obamas Vision für Frieden und Sicherheit in der Region. Ein Essay von Michael Lüders

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Was nährt den radikalen Islamismus, und wie lässt er sich differenzieren? Volker Perthes, ausgewiesener Nahostexperte und Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik, liefert in seiner Analyse fünf konkrete Ansatzpunkte, wie Europa in der muslimischen Welt konstruktiv agieren könnte.

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In wirtschaftlicher Hinsicht wünscht sich die ägyptische Regierung eine Kooperation mit der EU, lehnt aber deren Menschenrechts-Konzepte als innere Einmischung ab. Isabel Schäfer zeigt das Dilemma der „Euro-Mediterranen Partnerschaft“ am Beispiel Ägyptens auf.