Berlins neue Ibn-Rushd-Goethe-Moschee: Der liberale Islam ist eine Schimäre

29. Juni 2017

Print pagePDF pageEmail page

Die ablehnenden Reaktionen auf die Eröffnung einer „liberalen Moschee“ in Berlin sind keine wirkliche Überraschung. Sie taugen jedoch nicht als Beweis für die generelle Reformunfähigkeit des Islam, meint Loay Mudhoon.

Ein „Weltereignis mitten in Berlin“ soll es gewesen sein. Diese Einschätzung ist berechtigt, jedenfalls gemessen an der überwältigenden Resonanz im In- und Ausland auf die Eröffnung der dezidiert „liberalen Moschee“ in einer evangelischen Kirche in Berlin-Moabit.

Schließlich wollten Medienvertreter aus aller Welt dabei sein, als die deutsch-türkische Juristin und Frauenrechtlerin Seyran Ates ihr Reformprojekt in Gestalt einer integrativen Mosche für alle der Öffentlichkeit vorstellte. Die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee solle nämlich allen Muslimen offen stehen: Konfession und sexuelle Orientierung spielen dabei keine Rolle.

Außerdem wird in diesem in Deutschland einzigartigen Gotteshaus die Geschlechtertrennung beim Gebet ausdrücklich aufgehoben. Männer und Frauen können nebeneinander beten. Das erste Freitagsgebet leiteten ein Mann und eine Frau gemeinsam. Und ganz wichtig für die aufgeregten Islam-Debatten hierzulande: Die „Imamin“ trug kein Kopftuch!

Liberaler Islam für die nicht-muslimische Mehrheit?

Dass die Reaktionen aus den islamisch geprägten Ländern auf die Eröffnung der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee ablehnend und auffallend heftig ausgefallen sind, stellt keine wirkliche Überraschung dar. Zumindest nicht, wenn man die repressiven Realitäten in diesen Ländern kennt. Das gilt auch für Ägypten und die Türkei, in denen die Proteste gegen die Berliner Moschee besonders heftig ausfielen. In beiden Ländern sind die religiösen Instanzen politisch entmündigt.

Interessanter als die erwartbaren Reaktionen aus dem islamisch geprägtenAusland sind freilich die Reaktionen hierzulande. Diese waren durchweg positiv. Fast alle Medien feierten die neue Einrichtung als einen Ort eines weltoffenen, emanzipierten Islam. Erwartungsgemäß sehen konservative Kreise und „islamkritische“ Akteure und Interessengruppen dieses Moschee-Model als eine Alternative zu den Moscheen der orthodoxen Islamverbände. Ihrer Ansicht nach passt nur der „dieser Islam“ zu Deutschland.

Doch diese überschwängliche Begeisterung in Medien und Politik kann nicht über zwei grundlegende Probleme hinwegtäuschen.

Erstens: Der sogenannte „liberale Islam“ besteht aus Einzelpersonen, aus Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, ohne nennenswerte Strukturen. In Deutschland gibt es inzwischen mehrere zivilgesellschaftliche Initiativen liberaler Muslime, doch ihr Organisationsgrad ist immer noch gering und auch ihre Anschlussfähigkeit an den konservativen muslimischen Mainstream.

Zweitens: Die Akteure des liberalen Islam blieben bis jetzt inhaltlich sehr vage. Sie definieren sich in der Regel über die Ablehnung des konservativen Islam. Und das ist in der Substanz einfach zu wenig, um große Wirkung zu entfalten.

Pluralität der Muslime respektieren

Keine Frage: Die Eröffnung der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee ist ein mutiger und bemerkenswerter Schritt. Doch solche liberalen Moscheen sind nur in Deutschland ein neues Phänomen. Ähnliche Moschee-Projekte gibt es seit langem schon in Großbritannien und den USA.

Die heterogenen Träger des liberalen Islam hätten zudem – lange vor der Eröffnung der Moschee – erklären sollen, auf welchen islamischen Grundlagen ihr liberales Verständnis von Religion basiert. Sie hätten beispielweise eine sachbezogene Debatte über die Rolle der Scharia im säkularen Rechtsstaat führen müssen. Das wäre für die Unterscheidung zwischen akzeptablen und nicht akzeptablen Aspekten der Scharia sicherlich hilfsreich.

Mit anderen Worten: So wie die staatliche türkische Religionsbehörde Diyanet sich auf die „Grundsätze des islamischen Glaubens“ bezieht, hätten auch die liberalen Muslime ihre Bemühungen aus genuin islamischen Quellen inhaltlich begründen müssen.

Staatlich kontrollierter Islam ist unglaubwürdig

Weder die geringe Resonanz auf die muslimische Friedens- und Anti-Terror-Demonstration in Köln, noch die ablehnenden Reaktionen auf die Eröffnung der Berliner Moschee taugen als Beweis für die Reformunfähigkeit des Islam. Schließlich sind Reformbemühungen von muslimischen Aktivsten weltweit zu beobachten. Der Kampf um die Deutungshoheit über „den Islam“ wird inzwischen fast überall mit aller Härte geführt.

Die Politik wäre jedenfalls gut beraten, keine bestimmte Islamversion zu bevorzugen – keine liberale und keine konservative. Ein staatlich protegierter oder gar kontrollierter Islam wäre unglaubwürdig und einer pluralistischen Demokratie nicht würdig.

Für die Weiterentwicklung des Islam in Deutschland wäre es daher besser, die real existierende Pluralität der Muslime und ihrer verschiedenen Islam-Verständnisse im Rahmen unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu respektieren und seine institutionelle Einbürgerung weiter zu fördern.

Loay Mudhoon

© Qantara.de 2017

Loay Mudhoon ist Nahost-Experte bei der Deutschen Welle. Er leitet das Dialogportal „qantara.de – Dialog mit der islamischen Welt“.

Dieser Beitrag wurde am 28.06.2017 auf qantara.de veröffentlicht.

 

Die Redaktion empfiehlt:

Debatte über Reformislam: Der Islam braucht keinen Martin Luther!

Qantara-Themenseite „Reformislam“

Source URL: https://de.qantara.de/inhalt/berlins-neue-ibn-rushd-goethe-moschee-der-liberale-islam-ist-eine-schimaere

Schlagwörter: , , ,

verfasst unter Allgemein, Europa, Islam, Islam in Deutschland, Reformislam von am 29. Juni 2017

Über den Autor ()

Loay Mudhoon ist Nahost-Experte und Islamwissenschaftler. Lesen Sie mehr über den Autor

Kommentare nicht erlaubt.